14. Januar 2018

Wie merkt man, dass man mehr als eine Person lieben kann?

In diesem Beitrag verraten uns die Interviewten, wann es bei ihnen "Klick" gemacht hat, also wann sie selbst gemerkt haben, dass sie polyamor leben möchten. Außerdem fragen wir nach: Wird Polyamorie immer verbreiteter? Was sagt ihr zu dem Thema "Spread the word" ?

Viele Menschen haben noch nie von Polyamorie gehört, daher ist es spannend zu hören, wann diejenigen, die sich als polyamor bezeichnen, Polyamorie das erste Mal bewusst wahrgenommen haben. Viele leben das Konzept, ohne zu wissen, dass es dafür eine Bezeichnung gibt. Meistens fängt es damit an, dass man in einer glücklichen Beziehung ist und sich trotzdem in eine außenstehende Person verliebt. Laut den Interviewten führt es zu sehr viel Verwirrung, wenn so etwas zum ersten Mal passiert.

Um euch ein Bild von den interviewten Personen zu machen, könnt ihr hier den ersten Teil des Interviews lesen.

Wann habt ihr gemerkt, dass ihr polyamor seid? Wann hat es „Klick“ gemacht?

Sarah:
Bei mir hat die Entwicklung circa acht Jahre lang gedauert. Ich fand andere Männer auch schon immer irgendwie anziehend. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass es so nicht funktionieren kann und ich das nicht geregelt bekomme, wenn ich für mich behalten muss, dass ich auch jemand anderen attraktiv finde. Seitdem rede ich mit meinem Mann sehr viel über dieses Thema, weil ich einfach nicht mit einem schlechten Gewissen leben wollte. Mein Mann hat daraufhin angefangen zu recherchieren und die Bücher von Michael Mary zu lesen.
Michael Mary ist Paar- und Individualberater. In seinen Büchern geht es darum, dass jede Beziehung anders ist. Wenn sich ein Mensch verändert, hat das auch Einfluss auf die Beziehung und umgekehrt. Michael Mary prägt den Begriff AMEFI – das heißt „Alles, Mit Einem, Für Immer“. Er sagt, dass AMEFI eine völlige Überforderung für eine Beziehung ist. Dass eine einzige Partnerschaft alleine gar nicht alle Bereiche des Lebens abdecken kann. Die Leute rackern sich total ab, alles mit einem Menschen hinzubekommen und haben dann ein schlechtes Gefühl, wenn es nicht klappt. Sie denken, dass mit ihnen etwas nicht stimmt, obwohl dieses Konzept gar nicht wirklich möglich ist.
In meiner Entwicklung hatte ich eine Zeit lang wahnsinnig Angst, denn ich wusste nicht, ob der Boden mich noch tragen würde, wenn ich meine alten Werte aufgebe sollte. Mein Mann und ich haben sehr viel über dieses Thema gesprochen, irgendwann kam der Begriff Polyamorie hinzu. Ich entdeckte den Stammtisch “Polyamorie Freiburg”. Bei uns beiden hat sich durch unsere Gespräche eine klare Ausrichtung gebildet und wir haben uns sehr schnell dazu entschlossen, den gemeinsamen polyamoren Weg zu gehen. Bei meiner jetzigen Begegnung (mit einem anderen Mann) habe ich am Anfang nicht gewusst, was daraus werden würde. Bis jetzt hat diese Beziehung keine eindeutige Bezeichnung, wie zum Beispiel “offene Beziehung” oder “zweiter Partner”. Ich mag es, außerhalb von Schubladen und Kästen zu denken. Manchmal braucht man diese Begriffe, um sich zu orientieren und auszutauschen, aber es engt einen auch ein.
Eine wichtige Sache, die ich in den letzten zwei Jahren gelernt habe, ist: Sage nie mehr, dass es “nur” Sex ist! Auch eine sexuelle Begegnung kann zu einer sehr tiefen Verbindung führen.
Ich hatte jahrelang eine Vision: Mein Herz soll sich dehnen und es sollen mehr Leute hineinpassen.  Ich fühlte, dass da einfach noch mehr möglich ist.
In dem Moment, in dem ich nicht mehr monogam gelebt habe, habe ich gemerkt, dass es wirklich immer darum geht, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Ich habe gelernt, dass ich mein Leben selbst gestalten möchte und nicht jemand anderes dafür verantwortlich machen will, wie es mir geht. In einer monogamen Beziehung besteht eher die Gefahr, dass man sich auf der Beziehung ausruht und nicht mehr so oft darüber nachdenkt, wie man sein Leben wirklich leben will.

Markus:
Der Anfang meiner polyamoren Lebensweise war recht schnell, aber auch nicht sehr ruhmreich. Ich war in einer Beziehung und habe mich in eine zweite Frau verliebt und sie sich auch in mich. Wir haben eine Affäre begonnen, weil wir Angst hatten, unseren Partnern davon zu erzählen. Wir wollten uns auch nicht von unseren Partnern trennen, weil wir diese immer noch genauso liebten. Wir konnten nicht sagen, dass der eine wichtiger war als der andere und wir wollten keinen der Beteiligten aufgeben. Meine Freundin hat daraufhin das Konzept der Polyamorie angetragen. Sie kannte es vorher nur auf theoretischer Ebene. Das Endergebnis war, dass ich der Polyamorie nahe gekommen bin. Der Weg dorthin war, aufgrund der Affäre, leider ziemlich unangenehm für alle. Deswegen ist mir der Punkt, dass alle über die aktuellen Partner und die Treffen informiert sein sollten, sehr wichtig. Meiner polyamore Lebensweise hat sich in den letzten Jahren weiterentwickelt. Was mir heute persönlich so wichtig ist: Ich will die Kontrolle selbst haben, wen ich lieben kann und wen nicht. Natürlich spielt da die Meinung meiner Partner eine große Rolle, aber ich will immer klarstellen, dass niemand entscheiden darf, mit wem ich eine Beziehungsform eingehen darf oder nicht. Ich finde den Ansatz sehr passend: Die Bezeichnungen der Partnerschaften, wie zum Beispiel „offene Beziehung“ oder „Liebschaft“ stecken die Menschen und ihre Gefühle in Kisten, in die sie nicht passen. Es gibt viel mehr Möglichkeiten, wie Menschen zueinander stehen können, als die bekannten Bezeichnungen, wie Liebesbeziehung, Freundschaft plus, Freundschaft usw. Es ist sehr hilfreich, mit dem Partner einfach über die Beziehung zu reden, statt nach einem Wort dafür zu suchen. Das Wort, das man findet, passt dann vielleicht zu 80 Prozent, aber vielleicht sind die anderen 20 Prozent der Bedeutung dem Partner viel wichtiger als einem selbst.

Natalie:
Bei mir sind viele Faktoren zusammengekommen. Ich bin in einer Familie mit drei Geschwistern aufgewachsen, das heißt, ich komme aus einem Haushalt, der sehr laut und lebhaft war und wo immer jemand zuhause war. Danach hatte ich stets die Sehnsucht verspürt, auch als Erwachsener so ein lebendiges Leben zu führen. Am Anfang dachte ich, dass ich in einer Wohngemeinschaft leben möchte, doch später hat sich meine Vorstellung konkretisiert.
Die Ehe meiner Eltern bröckelte jahrelang, bis sie sich schließlich getrennt haben. Das alles habe ich als 14-Jährige bewusst mitbekommen und reflektiert. Ich habe gesehen, dass das Leben nicht immer wie im Märchen verläuft. In der zehnten Klasse habe ich den Begriff Polyamorie das erste Mal gehört. Es ging um die Ménage á trois, die Dreiecksbeziehung von dem Surrealisten Max Ernst. Ich habe dann alle Dokumentationen angeschaut, die es gab, und wollte wissen, ob das denn überhaupt funktionieren kann. Irgendwann spürte ich, dass so etwas wie Polyamorie mein Ding ist und mir wurde klar, dass das Standardprogramm für mich auf Dauer nie funktionieren würde.

Yasmine:
Vor fünf Jahren hat es bei mir „Klick“ gemacht. Da war ich seit zwei Monaten mit meinem ersten Freund zusammen. In einem Ferienlager habe ich mich in einen anderen Mann namens Jason verliebt. Ich war sehr verwirrt und wusste nicht wie das gehen kann, aber dann habe ich mich damit beschäftigt. Irgendwann habe ich herausgefunden, dass es möglich ist, mehrere Personen gleichzeitig zu lieben. Es gibt die Polyamorie wirklich und sie funktioniert und bei mir. Vor circa drei Jahren, als ich noch mit meinem ersten Freund  zusammen war, hatten Jason und ich ein sogenanntes romantisches Verhältnis. Es ist parallel gelaufen, alle wussten davon und wir haben uns auch zu dritt getroffen. Das war der Moment, in dem ich erlebt habe, dass es wirklich funktionieren kann, eine Beziehung zu mehreren Personen zu haben.

Jason:
Bei mir hat es damals auch in dem Ferienlager angefangen, da ich mich sofort in Yasmine verliebt hatte. Aber ich wusste, dass sie einen Freund hat. Damals stand ich vor der Herausforderung, mit meinen Gefühlen fertig zu werden und Rücksicht auf sie und ihre Beziehung zu nehmen. Wir hatten auch eine tolle Freundschaft und diese wollte ich nicht mit dieser Eifersucht, die in mir aufkam, zerstören. Das hat mich dazu gebracht, intensiv über meine Gefühle und das Thema Liebe zu reflektieren. Aus den folgenden Jahren, die ich mit ihr und ihrem Freund verbracht habe und den ganzen Herausforderungen, vor die ich gestellt wurde, hat sich meine ganze Philosophie über Liebe aufgebaut. Irgendwann, nach langer Funkstille, sind wir uns wieder begegnet und tatsächlich zusammengekommen. Die erneute Zusammentreffen war zu der richtigen Zeit und es hat gepasst. Wir hatten beide eine Entwicklung durchgemacht. Wann genau es bei mir „Klick“ gemacht hat ist schwer zu sagen, denn es ist nach und nach entstanden. Als ich die Beziehung mit Yasmine angefangen habe, wusste ich ja schon, dass Polyamorie für mich funktioniert und dass ich so mit Yasmine leben kann. Und tatsächlich habe ich mich auch sehr für sie gefreut. Ich habe es nicht nur geduldet, sondern ich habe es mitgelebt. Seitdem ich dem anderen Mädchen, dass ich nach Yasmine kennengelernt habe, begegnet bin, hat es aber letztendlich wirklich richtig „Klick“ gemacht und ich habe gemerkt, dass ich der Typ für sowas bin.

Christian:
Für mich war es auch eine Entwicklung, bis ich an den Punkt gelangt bin, dass es wirklich “Klick” gemacht hat. Ich hatte einige monogame Beziehungen, in denen ich mich sehr schnell eingeengt gefühlt habe. Viele meiner Beziehungen habe ich nach etwa drei Monaten abgebrochen, mit immer einer anderen Ausrede, wieso ich diese Person nicht mehr lieben würde, um mich dann in die nächste Partnerschaft zu stürzen. Bald habe ich festgestellt, dass ich meine Beziehungen nicht auf diese Art und Weise leben will  – dann lieber gar keine.
Ich bin über Umwege dann doch wieder in eine Beziehung gekommen, aber wir haben beide gesagt, dass Monogamie nicht unser Ding ist, also haben wir lieber eine offene Beziehung ausprobiert. Diese hat sich besser angefühlt, weil es in Ordnung war, andere Personen auch näher kennen zu lernen.Wir haben gemeinsam eine Regel vereinbart, die besagte, dass wir nach spätestens zwei Monaten den Kontakt zu der Person außerhalb der Beziehung abbrechen müssten. Das hat mich wirklich massiv gestört, weil ich anfangs zwar mit vielen Mädchen hauptsächlich nur Sex hatte, aber auch Emotionen zu diesen Menschen aufgebaut hatte. Ich kann bei so einer Bindung dann nicht einfach sagen: “Wir hatten jetzt halt ein paar mal guten Sex. Tschüß, du interessierst mich nicht mehr”. Es war zwar besser, als bei den monogamen Beziehungen, aber immer noch irgendwie falsch. Ich wusste auch noch nicht, wo ich mit der Beziehung hinwollte. Polyamorie war mir noch gar kein Begriff: Ich kannte Polyamorie nicht und habe auch noch nie darüber nachgedacht.
Irgendwann wurde ich von jemandem auf die Polyamorie Gruppe Freiburg aufmerksam gemacht. Er sagte so etwas wie:
“Geh doch mal zu so einem Stammtisch! Die haben alle mehrere Beziehungen. Die sind bestimmt alle einfach zu haben.” Direkt so wortwörtlich hat er es nicht formuliert, aber er meinte es wahrscheinlich so. Ich ging nach ein paar Monaten und nach langem Zögern dann doch das erste mal zum Stammtisch und habe festgestellt, dass die Menschen dort alle mega sympathisch sind und man mit ihnen einfach super über solche Themen reden und diskutieren kann. Sie sind meiner Ansicht nach einen Level weiter, da sie sich über vieles mehr Gedanken machen, als die Leute, die ich bisher kennengelernt habe. Das hat mich fasziniert und ich habe versucht mehr Kontakt zu den Menschen zu finden. Bei einem Polyamorie-Treff in einem etwas privateren Umfeld habe ich gemerkt: Die bringen ihre zwei Partner nicht nur zum Stammtisch, um anzugeben, sondern sie leben wirklich zusammen. Sie reden und diskutieren sehr offen und ehrlich über ihre Partnerschaften und ihre Probleme und ich denke mir, das ist genau das, was ich suche. Ich darf Kontakt zu mehreren Personen haben, ohne dass es verwerflich ist und muss nicht nach einer gewissen Zeit den Kontakt abbrechen. Von da an habe ich darauf geachtet so mit meinen Bekanntschaften und meinen Partnern zu kommunizieren, wie es für polyamor lebende Menschen richtig ist und habe mich selbst als polyamor bezeichnet. Ich habe meiner derzeitigen Freundin dann genau erklärt, wie ich denke. Für sie war es ok, auch wenn sie immer gesagt hat, dass sie weiterhin monogam leben will. Meine Beziehung war das erste mal richtig polyamor, als meine jetzige Freundin dazugekommen ist. Leider war es in dieser Kombination zu dritt sehr anstrengend und hat aus mehreren Gründen nicht richtig funktioniert. Ich habe aber gemerkt, dass das Konzept an sich passt und ich mich dabei wohl fühle. Spätestens da hat es „Klick“ gemacht. Dass es mit meiner Ex-Freundin nicht zu dritt geklappt hat, war kein Problem des Konzeptes. Wir drei waren alle Anfänger und es gab Unstimmigkeiten, in welche Richtung die Beziehung gehen soll.

Jennifer:
Ich bin durch Gespräche mit einer sehr guten Freundin zur Polyamorie gekommen. Ich finde die Idee und das Konzept auch für mich passend und ich denke, dass es funktionieren kann. Diese offene Kommunikation ist genau das, was mir bei den monogamen Beziehungen bisher gefehlt hat. In einer monogamen Beziehung ist es leider oft so, dass man nicht so viel redet, weil man es nicht für nötig empfindet. Man schweigt sich an und es tragen sich viele Gedanken in den Köpfen zusammen. Dadurch streitet man immer mehr und es kann zu einem bösen Ende führen. Manchmal hilft es einem selbst und der Beziehung ungemein, sich selbst zu beantworten, wie man sich gerade fühlt und dem Partner zu sagen, welche Gefühle eine bestimmte Situation in einem hervorgerufen hat. Manche Gedanken haben mich immer wahnsinnig gemacht. Ich kann nicht in meinen Partner hineinschauen und ich weiß auch nicht, wie er sich fühlt, wenn er es mir nicht sagt. Außerdem versteht man viele Reaktionen des Partners nicht, wenn er nicht darüber spricht. Ich merke jetzt, dass es bei einer Polybeziehung noch wichtiger ist, dass man miteinander immer und offen kommuniziert. Dazu muss man sich mit sich selbst beschäftigt, um ausdrücken zu können, wie man empfindet. Dadurch lernt man seine Gefühle kennen und man kann sie so mit seinen/m Partner/n kommunizieren. Wichtig ist auch, dass alle Partner sich daran beteiligen, wenn man Regeln aufstellt und dass diese dann auch eingehalten werden. All diese Dinge machen für mich einfach Sinn und deshalb bezeichne ich mich seitdem als polyamor.

Kathrin:
Ich hatte mit sechzehn Jahren zum ersten Mal eine polyamore Erfahrung: Ein befreundetes Pärchen hatte sich in mich verliebt, und ich mich auch in die beiden. Damals kannte ich das Konzept Polyamorie aber noch nicht und war sehr unsicher, wie ernst die Beziehungen mit den betreffenden Personen sein könnte. Mit circa zwanzig Jahren konnte ich dem Kind einen Namen geben, wenig später habe ich mich bewusst darüber informiert und daraufhin auch die Intensität einer solchen Beziehung erfahren. Bei mir hat es sozusagen über einen längeren Zeitraum „Klick“ gemacht.

Foto-Credit: mrchris.de

Was sagt ihr zum Thema “Spread the Word”? Wie denkt ihr über die Verbreitung von dem Thema Polyamorie?

Markus:
Die tatsächliche Verbreitung der polyamoren Lebensweise ist schwer einzuschätzen, da es keine verlässlichen Statistiken dazu gibt. Was eher merkbar ist, ist das Bewusstsein, dass es Polyamorie gibt und dass es in Ordnung ist, so zu leben. Heutzutage hat man auch eher die Möglichkeit, mit anderen Menschen, die in einer ähnlichen Situation leben, über Polyamorie zu reden. Das ist auch ein großer Vorteil des Internets. Jeder kann diskutieren und das hilft bei Fragestellungen, die eher (in Anführungszeichen) unnormal sind, ungemein. Es hilft den Personen, zu wissen, dass man wirklich nicht alleine mit dem Thema ist und dass andere Menschen auch so leben und lieben. Es gibt im Leben der Mitmenschen Bereiche, von denen man im Alltag normalerweise nicht viel mitbekommt. Ein großer Anteil der Menschen lebt anders, als die Gesellschaft es von ihnen denkt, sei es auf die Sexualität oder alternative Lebensformen bezogen. Vielleicht schaffen wir es bald, eine Gesellschaft zu haben, in der man nichts mehr verstecken muss. Da das Wissen über die Themen meist nicht so groß ist, wird man in gewisse Schubladen gesteckt. Über polyamore Beziehungen wird zum Beispiel oft gesagt, dass es sich ja nur Affären handelt und diese wirklich sehr schlecht sind. Wenn die Mitmenschen das erste mal etwas über Polyamorie hören, folgt die typische Kurzschlussreaktion, die gehörten Sachen mit etwas Bestehendem zu vergleichen. Das führt dazu, dass das Thema erstmal sehr schnell als negativ abgestempelt wird, auch weil es bisher keine positiven Themen gibt, mit denen man Polyamorie vergleichen kann. Die einzige verbreitete Bezeichnung ist die „offene Beziehung“,  die aber den Beigeschmack hat, dass es den Beteiligten nur um Sex geht.
Ich finde, das Schöne an der Polyamorie ist, dass man den Begriff immer selbst erklären darf und das Gespräch in die richtige Richtung lenken kann. Wenn man anfängt darüber zu reden, kommen immer Fragen auf. Auch wenn meistens diese Aussage zurück kommt: “Für mich ist das nichts, ich bin viel zu eifersüchtig. Wie macht ihr das dann?” Das sind eben die Standardfragen, die aber wichtig sind und an denen man auch immer wieder merkt, was für ein krasses Thema Eifersucht ist und wir umgehend lernen sollten, damit umzugehen.
Es hat auch ein gewisses Stück mit Faulheit zu tun. Jedes Mal wenn Begriffe und Situationen auftauchen, die nicht der Norm entsprechen, muss man sich mit ihnen beschäftigen, um sie zu verstehen. Je weniger Ausnahmen man bewusst wahrnimmt, desto weniger muss man sich mit Dingen beschäftigen, die man noch nicht kennt. Das ist eben eine Eigenart, die Menschen haben. Probleme die man kennt und wenig Ausnahmen haben sind einfacher zu klären.

Sarah:
Es ist nicht einfach, unseren Weg zur Polyamorie zu erklären. Ich sage manchmal einfach, wir haben unsere Beziehung geöffnet, da das Wort Polyamorie noch nicht so bekannt ist. Zwar ist die offene Beziehung wieder etwas anderes, aber wenn sich ein Gespräch entwickelt erkläre ich es dann genauer.
Alles, was fremd ist, kann Angst machen. Man kann dieser Angst aus dem Weg gehen, indem man Lebensbereiche in Schubladen steckt, und sagt, dass manche Dinge nicht gut sind. Man kann aber auch in sich hineinspüren, was wirklich dahinter steckt und sich mit anderen Menschen darüber austauschen. Das kann sehr bereichernd und beglückend sein. Und es ist eine Möglichkeit, sich selbst besser kennen zu lernen.
So ähnlich ist es mit dem Thema Eifersucht. Es kann so viele verschiedene Aspekte haben und so viele Gründe geben, eifersüchtig zu sein. Eifersucht wird als unangenehm empfunden und deswegen wollen die meisten dieses Gefühl so schnell wie möglich abstellen. Viele Menschen stellen es ab, indem sie monogam leben.
In erster Linie kommt es natürlich darauf an, was man möchte, das steht außer Frage. Man sagt aber auch oft zu den Menschen, die anders leben, dass das nur Phasen sind. Ich finde, es ist positiv, solche Phasen zu haben, denn es sind Phasen, die einen prägen. Das ganze Leben besteht aus Phasen und man lernt aus ihnen. Jeder lebt so wie er lebt, dabei gibt es keine Lebensrichtlinien.

Natalie:
Wenn wir ganz egoistisch wären und nur an uns selbst denken würden, müssten wir den Menschen auf der ganzen Welt gar nichts von der Polyamorie erzählen. Der Idealist in uns sagt aber, dass wir im Namen aller Menschen, die gerne so leben wollen, wie sie sind, zum Beispiel Homosexuelle, Transsexuelle, polyamore Menschen oder andere, die sich nicht trauen, damit in die Öffentlichkeit zu gehen, zeigen müssen, was wir alles machen können. Wenn wir uns trauen, alternative Lebensformen in die Öffentlichkeit zu bringen, dann tun wir allen Minderheiten etwas Gutes, denn dann wird es normal “anders” zu leben.

Jason:
Ich habe das Gefühl, dass es immer mehr Menschen gibt, die alternative Lebensformen ausleben, egal ob Ernährung, Spiritualität, Wohnart oder Beziehung. Es kommt immer öfter vor, dass Menschen Dinge neu für sich definieren, aus gewohnten Mustern herauskommen und sich darüber austauschen. Ich finde diese Entwicklung gut und sie sollte so weiterlaufen.

Christian:
Ich wäre sehr froh gewesen, wenn ich früher von Polyamorie gehört hätte, denn ich hätte mich länger damit beschäftigen können. Es ist nicht optimal, wenn man nur die Wahl zwischen Monogamie, Singleleben oder Fremdgehen hat. Es ist viel einfacher, eigene und guttuende Bindungen aufzubauen, wenn man mehr Möglichkeiten hat, seine Liebe zu leben. Ein zweiter Partner bedeutete für mich bisher immer Fremdgehen. Da ich diesen neuen Gedanken so super finde, will ich ihn  auch unbedingt teilen. Ich will die Menschen nicht bekehren und ich will auch nicht, dass jetzt alle polyamor leben. Im Gegenteil: Jeder soll für sich selbst entscheiden können, wie er lebt und natürlich gibt es sehr viele Menschen, für die nur Monogamie in Frage kommt.

Jennifer:
Das, was ich nicht kenne, kann ich auch nicht unbedingt ausprobieren. Deswegen finde ich es wichtig, dass das Thema Polyamorie weitergegeben wird. Jeder sollte wissen, dass man so viel mehr aus seinem Leben und seiner Beziehung machen kann, wenn man es will. Zur Toleranz gehört meiner Meinung nach auch, sich mit so vielen Themen wie möglich zu beschäftigen, sich eine eigene Meinung zu bilden und nicht fremde Meinungen kritiklos zu kopieren.

Kathrin:
In manchen Kreisen habe ich bisher aus diversen Gründen nicht von Polyamorie geredet. Hauptsächlich geht es darum, dass ich dort die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit dem Thema noch nicht sehe und ich mich zu exponiert fühlen würde. Für mich ist es aber ein Ziel, langfristig in allen Lebensbereichen offen polyamor leben zu können. Ich weiß nur noch nicht ganz, wie ich das machen werde, da ich eine Beamtenkarriere anstrebe. Ich könnte, so wie es momentan in der Gesellschaft aussieht, nicht unbedingt beliebig viele Partner zu Firmenveranstaltungen mitnehmen, ohne dass es absurd wirkt. Dennoch ist es ein Traum von mir, in meinem Beruf sagen zu können, dass ich polyamor lebe – allein um die Toleranz gegenüber alternativen Beziehungsformen auch in diesem Berufsfeld zu steigern.

Die Frage, wie man merkt, dass man mehr als eine Person lieben kann, ist simpel zu beantworten: Es passiert einfach. Bei manchen schon früh im Leben, bei vielen gar nicht, und das ist okay so!


Im nächsten und letzten Teil unserer Interviewreihe bekommt ihr die Antwort auf die am meisten gestellte Frage: Wie ist es für dich, deinen Partner zu teilen?
Wir bedanken uns nochmal für diese unglaubliche Offenheit und würden gerne noch einmal auf den Stammtisch Freiburg auf Facebook aufmerksam machen. Einmal im Monat treffen sich hier Menschen, die sich über Polyamorie und andere wichtige Inhalte der Liebe austauschen wollen. Schaut doch mal vorbei, wenn ihr Interesse habt, denn jedes Gespräch ist wertvoll und erweitert den Horizont.