6. Juli 2018 Sexuelle Übergriffe: Freiburg diskutiert. Teil 1: Die Freiburgerinnen

Sexuelle Übergriffe: Freiburg diskutiert. Teil 1: Die Freiburgerinnen

Die Meldungen des 30. Mai 2018 sind wahrscheinlich vielen Freiburgerinnen und Freiburgern in Erinnerung geblieben: Drei Frauen wurden, unabhängig voneinander, von einem Mann schwer sexuell belästigt. Glücklicherweise konnten sich alle Opfer ausreichend zur Wehr setzen und flüchten - der mutmaßliche Täter, ein 36-jähriger Mann aus Serbien, wurde gefasst. Die Tatorte: Der Seepark, die Haltestelle Moosgrund und das Lehener Bergle - Plätze, die wir alle kennen. Viele von uns waren vielleicht am betreffenden Tag selbst zufällig an diesen Orten, einige leben in der Nähe. Auch in den folgenden Wochen machten immer wieder Meldungen von sexueller Nötigung, Belästigung und sogar Vergewaltigung die Runde. Viele von euch sind aufgebracht und reagieren in den sozialen Medien entsetzt, oft sogar aggressiv. Die Hilflosigkeit ist deutlich spürbar.

Auch in unserem Office im Herzen Freiburgs wurden diese Themen diskutiert. Besonders unsere Mitarbeiterinnen zeigten sich zunehmend verunsichert: „Passiert sowas grade wirklich dauernd oder wird nur deutlicher darüber berichtet?“ – „Ich glaub, ich frag‘ besser meinen Freund, ob er uns Freitagabend abholt.“ – „Habt ihr’s gehört? Schon wieder!“ … Einige aus der Redaktion waren jedoch auch unbeeindruckt oder hatten im Vorfeld kaum etwas mitbekommen: „Kriminalität gab es schon immer. Das wird grade alles einfach schrecklich aufgebauscht!“ – „Was ist da passiert? Das hab ich gar nicht mitgekriegt!“ Unterschiedliche Statements, die wohl auf unterschiedliche, individuelle Erfahrungen zurückzuführen sind.

Als am 01. Juli 2018 dann wieder eine solche Meldung zu uns durchgedrungen ist – der Übergriff auf eine 26-jährige in der Okenstraße – haben wir uns in der Redaktion dazu entschieden, uns in öffentlicher Form genauer mit dem Thema auseinanderzusetzen: Wir waren in Freiburg unterwegs und haben euch, die Freiburgerinnen und Freiburger, zum Thema befragt.

Teil eins der Reihe: Die Freiburgerinnen

Emilia (23 Jahre), Samira (26 Jahre), Jasmin (34 Jahre), Frederike (18 Jahre), Celina (23 Jahre), Lisa (27 Jahre) und Maja (27 Jahre)* haben unsere Fragen beantwortet.

StadtBESTEN: Verfolgst du die Meldungen der letzten Wochen zu sexuellen Übergriffen in Freiburg? Wenn ja, was lösen sie in dir aus?

Emilia: „Nein, ich verfolge die Meldungen nicht wirklich. Wenn ich allerdings doch etwas davon mitbekomme, lösen solche Vorfälle schon Wut und Abscheu in mir aus.“

Samira:Ich verfolge die Meldungen und sie machen mich traurig.“

Jasmin: „Wenn man in den sozialen Medien unterwegs ist, wird man immer wieder mit den Meldungen konfrontiert – und zwar ganz automatisch und egal, ob man will oder nicht. Solche Meldungen sind dankbarer Inhalt und werden gerne geteilt, kommentiert… und erscheinen dadurch immer und immer wieder, oft tagelang aufs Neue, im Feed. Dadurch entsteht der Anschein, als ob ein Vorfall vom nächsten abgelöst werden würde. Aber natürlich machen mich solche Meldungen auch betroffen.“

Frederike:Meiner Meinung nach muss man die Meldungen nicht verfolgen, man hört und sieht sie ja sowieso überall. Sie lösen in mir Wut aus. Ich verstehe nicht, warum Menschen sowas Schreckliches tun.“

Celina: „Ich verfolge sie nicht, ich sehe sie einfach. Sie werden mir auf Facebook gezeigt, meine Freunde sprechen darüber. Meine Eltern leben in einer anderen Stadt, meine Mutter möchte seit Neustem immer eine Nachricht von mir bekommen, sobald ich abends zu Hause angekommen bin. Man wird fast ein bisschen paranoid, als lauere an jeder Ecke Gefahr.“

Lisa: „Ja, ich verfolge sie. Es gibt mir das Gefühl, alleine und vor allem abends nicht mehr in der Stadt rumlaufen zu können. Vor allem, dass es nun auch in den ‚vornehmen‘ Stadtteilen Übergriffe gibt, ist erschreckend.“

Maja: „Wenn ich auf Facebook darauf stoße, lese ich die Artikel, ich suche aber nicht gezielt danach. Sie lösen Unbehagen und Unverständnis bei mir aus.“

StadtBESTEN: Was hältst du von den Schuldzuweisungen, die sich unter den Meldungen häufen?

Emilia: „Wie gesagt, das Meiste habe ich gar nicht mitbekommen.“

Samira: „’An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die Schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern‘, hat Erich Kästner mal gesagt. Schuldzuweisung hat tatsächlich auch noch nie etwas positives Bewirkt. Dass diese Vorfälle missbraucht werden, um Hetze zu betreiben, statt präventiv über ein Verhindern dieser Taten nachzudenken, spricht nicht gerade für den Intellekt dieser selbsternannten ‚Richter‘ im Internet.“

Jasmin: „Ich lese mir die Kommentare bzw. Diskussionen unter den Meldungen mittlerweile nur noch selten durch, da ich sie nur selten wirklich zielführend finde. Schuldzuweisungen, vor allem solche, die sich auf keinerlei Beweise stützen oder Personen bzw. Gruppen unter Generalverdacht stellen, oftmals mit hetzerischem Charakter, finde ich falsch.“

Frederike: Ich halte nicht viel davon. Schuld ist derjenige, der die Tat begeht, dabei ist mir egal, ob er Deutsch ist oder aus einem anderem Land kommt.“

Celina: „Ich finde es furchtbar! Viele tendieren dazu, schon vor der Festnahme des Täters eigene Theorien aufzustellen und für einzelne kranke Menschen ganze Kulturkreise verantwortlich zu machen. Das stört mich sehr und macht mich traurig. Die Diskussionen werden übrigens auch den Opfern nicht gerecht! Vor lauter Hetze vergisst man ganz das Schicksal der Einzelnen, die nun mit den psychischen Folgen leben müssen.“

Lisa: „Es ist schade zu lesen, dass es sich vor allem um Flüchtlinge handelt. Dadurch werden die Vorurteile nur verschärft, was nicht unbedingt zu einem besseren Klima in der Stadt führt.“

Maja: „Ich halte nichts davon. Im Endeffekt ist es nur der Täter, der Schuld trägt und da ist es auch völlig egal, ob er Deutscher oder Ausländer ist.“

StadtBESTEN: Hast du das Gefühl, dass sich solche Vorfälle in letzter Zeit häufen? Wenn ja, siehst du einen speziellen Grund dafür?

Emilia: „Dazu kann ich auch nicht wirklich etwas sagen, zum einen, weil ich ja noch nicht so lange hier lebe und zum anderen weil ich bei solchen Fragen eher auf offizielle, glaubwürdige Statistiken vertrauen würde, als auf ein Gefühl, das ja oft auch von der Art der jeweiligen Berichterstattung geleitet wird.“

Samira:Ich bin mir nicht sicher, ob sich die Vorfälle wirklich häufen, oder ob es mit dem wachsenden Selbstbewusstsein der Betroffenen zusammenhängt. Man denke hier an #metoo, Frauen sind glücklicherweise immer mehr in der Lage, über solche Vorfälle zu sprechen. Fakt ist jedoch, dass genau die Vorfälle, in die Personen mit Migrationshintergrund verwickelt sind, in den Medien deutlich stärker thematisiert werden, als Übergriffe von Deutschen.“

Jasmin: „Das Gefühl taucht schon ab und zu auf, grade jetzt wo es sozusagen ‚um die Ecke‘ solche Vorfälle gibt. Ob es tatsächlich häufiger der Fall ist oder ob aufgrund der medialen Verbreitung nur das Gefühl aufkommt, kann ich nicht sagen. Man müsste sich vorab die Statistiken ansehen, bzw. die genaue Entwicklung der vergangenen Jahre. Jeder der Vorfälle ist schlimm und darf einfach nicht passieren, das ist doch ganz klar. Ich bin aber grundsätzlich immer eher gegen Panikmache – das ändert nichts an der Situation oder am potentiellen Problem, sorgt aber für Unmut und Verbreitung von Angst in der Bevölkerung. Oft führt das alles auch zu Hass. Falls es tatsächlich nachweisbar häufiger solche Vorfälle in Freiburg geben sollte, würde mir aber kein bestimmter Grund einfallen, der die Entwicklung erklären könnte. Ich denke, dass grundsätzlich verschiedene Faktoren zusammenkommen müssen, um eine solche Entwicklung zu bedingen.“

Frederike: „Ich bin mir nicht sicher, ob sich die Vorfälle häufen oder nur mehr davon berichtet wird.“

Celina: „Ich kann es nicht anders sagen, es kommt mir jedenfalls so vor. Allerdings kenne ich auch keine Zahlen zu vergleichbaren Übergriffen in den frühen 2000er Jahren oder so. Vielleicht kommt mein Gefühl auch daher, dass man in letzter Zeit besonders auf solche Meldungen achtet. Die Diskussionen in Freiburg tragen mit Sicherheit zu dem Gefühl bei.“

Lisa: „Ja, sie häufen sich schon in meinen Augen. Die Ursache dafür kann ich mir aber leider nicht erklären.“

Maja: „Ich habe eher das Gefühl, dass häufiger darüber berichtet wird als früher. Vor allem, wenn Ausländer im Tatverdacht stehen. Vorgekommen sind solche Vorfälle schon immer, meiner Meinung nach.“

StadtBESTEN: Fühlst du dich unsicher, wenn du abends allein durch Freiburgs Straßen gehst? Wenn ja, wie lange ist das schon so?

Emilia: „Nein. Meistens bin ich aber eh auf dem Rad, wenn ich alleine unterwegs bin. Dann fühle ich mich schon sicher, zumindest was sexuelle Übergriffe angeht. 100%ige Sicherheit kann es aber sowieso nie geben, egal wo, egal wann.“

Samira: „Unsicher ist das falsche Wort, denke ich. Ich würde es eher als ‚aufmerksamer’ bezeichnen. Ich habe immer ein Pfefferspray bei mir und wenn ich mich beobachtet fühle, rufe ich jemanden an oder tue so als würde ich telefonieren. Das ist aber nicht nur in Freiburg so, sondern generell der Fall, wenn ich abends alleine herum laufe. Tagsüber fühle ich mich nicht eingeschränkt.“

Jasmin: „Wenn ich in Freiburg unterwegs bin, fühle ich mich eigentlich immer sicher, auch abends. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich bisher noch nie eine auch nur ansatzweise bedrohliche Situation erlebt habe. Ein Gefühl der Unsicherheit hat ja oft auch etwas mit persönlichen Erfahrungen zu tun.“

Frederike:Ich fühle mich abends immer unsicher, das hat aber nichts mit den Überfällen der letzten Wochen zu tun, sondern ist schon lange davor der Fall gewesen.“

Celina: „Ich war abends noch nie gerne allein unterwegs – nachts schon gar nicht. Ein paar Mal hatte ich leider schon sehr unheimliche Begegnungen mit betrunkenen oder respektlosen Männern. Das prägt schon, ist aber bereits seit Jahren ein Problem – nicht erst seitdem wir Geflüchtete bei uns aufgenommen haben, wie das viele immer behaupten.“

Lisa: „Ja. Seit Marias Tod vor 2 Jahren.“

Maja: „Ich fühle mich nur in der Dunkelheit alleine etwas unwohl, das war aber schon immer so.“

StadtBESTEN: Hast du dir in letzter Zeit andere Verhaltensweisen angewöhnt? Meidest du es beispielsweise, abends oder nachts alleine draußen zu sein, hast du einen Selbstverteidigungskurs gemacht, hast du vielleicht ein Pfefferspray dabei? Oder fühlst du dich überhaupt nicht eingeschüchtert?

Emilia:Auch nein. Also ich würde jedenfalls nicht sagen, dass ich mich in Freiburg anders als in anderen Städten verhalte. Klar, ein bisschen vorsichtig ist man schon und überlegt manchmal, wie man sich verteidigen könnte. Ich habe mal einen Aikido-Kurs gemacht, sowas gibt schon Sicherheit.“

Samira: „Es ist nicht erst seit kurzem so, ich war schon immer bedacht und aufmerksam. Selbstverteidigungskurse habe ich in meiner Jugend sogar einige belegt, ein Pfefferspray trage ich auch seit über zehn Jahren mit mir.“

Jasmin: „Ich mache alles genauso wie bisher. Es gab eine Phase, als ich mich von der Situation habe einschüchtern bzw. mich von der Stimmung habe mitreißen lassen: Zur Zeit des sogenannten Dreisammordes. Da empfand ich die Stimmung in Freiburg als richtig schlimm. Ich bin nicht mehr alleine laufen gegangen, viele in meinem Bekanntenkreis haben sich bei jedem Ausgehen immer und überall an- und abgemeldet, bzw. ihre Standorte verschickt. Vorsicht finde ich tatsächlich wichtig, aber das war wirklich zu viel. Ich habe mich einfach in meiner Freiheit eingeengt gefühlt. Umso dankbarer war ich, als sich die Situation – auch für mich persönlich – aufgelöst hatte. Dieses Gefühl kam in dieser Form auch nicht wieder auf.“

Frederike: „Wenn ich weiß, dass ich abends in der Stadt alleine rumlaufe, nehme ich ein Pfefferspray mit und halte dieses in meiner Jackentasche in der Hand. Es gibt mir einfach ein besseres Gefühl. Falls ich es nicht dabei habe, halte ich immer mein Handy, während ich laufe.“

Celina: „Ich kläre immer zu Beginn des Abends ab, mit wem ich unterwegs bin und wie ich letztlich wieder nach Hause komme. Alleine irgendwo im dunklen Freiburg laufen würde ich nie. Ich glaube ich würde bei jedem Menschen, der zu dicht hinter mit geht, schon Angst bekommen.

Lisa: „Ja, ich vermeide es, nachts alleine nach Hause zu laufen. Ich versuche immer dort zu gehen, wo sich Menschen befinden und am besten ein Taxi zu nehmen. Wenn ich dann doch mal alleine von der Haltestelle nach Hause laufe, dann telefoniere ich immer mit jemanden. Ich finde es auch wichtig, immer Bescheid zu geben wenn man zu Hause angekommen ist.“

Maja: „Wenn möglich, vermeide ich es, nachts alleine unterwegs zu sein. Wenn ich auf dem Heimweg doch mal alleine bin, telefoniere ich gerne mit meinem Freund oder einer Freundin bis ich zu Hause bin. Das gibt mir schon ein Gefühl von Sicherheit.“

StadtBESTEN: Welchen Rat möchtest du anderen Freiburgerinnen mitgeben?

Emilia:Seid aufmerksam und traut eurem Bauchgefühl. Mit ständiger Angst macht ihr euch aber nur selbst das Leben schwer. Dann gibt es ja auch noch das Nachtfrauentaxi in Freiburg und ein Selbstverteidigungskurs kann sicher auch nie schaden.“

Samira:Ich empfehle, sich nicht unüberlegt in unnötig gefährliche Situationen zu bringen. Für mich bedeutet das, dunkle kleine Gassen zu meiden, nicht zu dicht an Hauseingängen vorbei zu gehen, auf Wege ohne Beleuchtung zu verzichten, sich nicht davor zu scheuen in beängstigenden Situationen Passanten anzusprechen… und ein Zitat meines Vaters: ‚Wer Nachts beim feiern mit dem Geld um sich schmeißen kann, der sollte sich selbst soviel Wert sein, auch in ein Taxi und in die eigene Sicherheit zu investieren.‘ Es gibt ja auch Frauentaxen!“

Jasmin:Mmh, diese Frage finde ich schwierig zu beantworten. Wenn ihr euch unwohl fühlt, begleitet euch gegenseitig nach Hause oder teilt euch ein Taxi. Ich finde es wichtig, vorsichtig zu sein, Provokationen aus dem Weg zu gehen, sich aber auch nicht von der Gesamtsituation einschüchtern oder in seinen Freiheiten einschränken zu lassen.“

Frederike:Lasst euch nicht zu verrückt machen und überinterpretiert nicht alles. Trotzdem solltet ihr füreinander da sein und zum Beispiel abends nach dem Club oder so zusammen heimlaufen.“

Celina: „Passt aufeinander auf! Wenn ihr seht, dass eine andere Frau – oder auch ein Mann – sich in einer bedrohlichen Situation befindet, schaut nicht einfach weg, sondern versucht einzuschreiten oder zumindest die Polizei zu verständigen. Und: Auch wenn es leider eine ziemliche Einschränkung ist – ich würde allen raten, nachts nicht mehr alleine an abgelegenen Orten herumzulaufen.“

Lisa: „Sich nicht ganz die Freiheit nehmen zu lassen aber ein wenig achtsamer und aufmerksamer zu sein – vor allem abends.“

Maja: „Einfach vorsichtig sein und das Schicksal nicht herausfordern. Das gilt aber nicht nur für Freiburg und auch nicht erst seit ein paar Monaten.“

Danke an alle, die sich uns anvertraut haben!
Wir sind in Gedanken bei den Opfern der Übergriffe und möchten alle Freiburgerinnen und Freiburger dazu aufrufen,
gut aufeinander zu achten.

Ihr habt eine andere Meinung oder möchtet selbst ein Statement zum Thema abgeben?
Schreibt uns auf Facebook oder meldet euch via Mail bei redaktion@stadtbesten.de.
Es wird außerdem einen zweiten Teil zu den Positionen der Freiburger Männer geben.

*Alle Namen wurden aus Gründen der Privatsphäre geändert.

Foto-Credit: Abbildung ähnlich