18. Oktober 2017

Flucht & Heimat – Das Großprojekt „Selim“

Seit der Flüchtlingswelle im Jahr 2015 dreht sich das öffentliche und private Leben immer mehr um die Thematik: Wer sind die Geflüchteten? Wo ist ihre Heimat? Wie sollen sie hier in unserer Welt ankommen?
Fragen über Integrationsmöglichkeiten werden diskutiert, aber wie behandelt man das Thema mit Kindern? Ein Lehrplan dazu existierte in der Anfangsphase noch nicht, die Lehrer waren auf sich allein gestellt. So entstand in der Grundschule in Rheinfelden ein Großprojekt zum Thema „Flucht und Heimat“.

Selim ist ein kleiner Junge auf der Flucht. Er flüchtet vor dem Krieg in Syrien, vor den Bombenangriffen, vor der Gewalt. Die Flucht nach Deutschland bestreitet der Kleine mit seiner Mutter und seinem Teddybären. Der Weg hierher ist unbeschreiblich schwer – über das Meer in einem kleinem Boot, über Grenzzäune und gefährliche Grenzübergänge und schlussendlich auch über die ersten Hürden in Deutschland: Abneigung, Fremdenfeindlichkeit, Bürger, die „Wir sind das Volk“ grölen. Doch schlussendlich kommt Selim in einem fremden Land an, weit weg von seinem Zuhause. Seine Erinnerungen und seine Angst kann er nicht einfach ablegen, denn was Selim miterleben musste, prägt einen Menschen für immer. Doch schließlich spielen andere Kinder mit ihm und helfen ihm dabei, in der neuen Heimat anzukommen und ein neues Leben mit neuen Freunden aufzubauen.

Selim auf der Flucht. (Foto-Credit: Sebastian Heinricht)

Es ist ein berührender Film, der einen vergessen lässt, dass es sich um Legospielfiguren handelt. Die Geschichte von Selim wird in Form eines animierten Legospielfilms gezeigt, den Grundschulkinder und Flüchtlingskinder aus Rheinfelden zusammen entwickelt haben. Geleitet wurde das Projekt von Sebastian Heinricht, Lehrer der ehemals dritten Klasse, und dem Freiburger Filmemacher Simon Schneckenburger. 2014 haben sich der Lehrer und der Filmemacher durch einen Kulturverein bei einer Kurzfilmnacht kennengelernt – kurz darauf entstand die Idee Film und Pädagogik zusammenzubringen. Das Konzept für das Projekt kam im darauf folgendem Jahr:

Im Jahr 2015 begann die große Flüchtlingswelle und ich fand es in der Schule total spannend, das Thema aufzuarbeiten. Seit 2017  steht es nun auch im Bildungsplan, damals kam nur die Bitte, wir sollen es doch einfach im Unterricht aufnehmen, auch wenn es noch keine Vorgaben gibt. Simon hat davor schon Legofilme gemacht, eine coole Methode, wie ich fand, und in der Pädagogik ist Lego ein Mittel, das man gerne verwendet. Und so beschlossen wir also zu dem Thema einen Film zu machen. – Sebastian Heinricht

So entstand ein Projekt, dessen Ausmaße sich Sebastian Heinricht und Simon Schneckenburger zu Beginn sicherlich nicht ganz bewusst waren. Die Vorbereitungen begannen im Herbst 2015, im Frühjahr 2017 wurde die Premiere des Films im Kino Rheinfelden gefeiert. Die ehemaligen Drittklässler, mit denen Heinricht das Projekt begonnen hat, wurden im Laufe der Gruppenarbeit zu Viertklässlern, einige Flüchtlingskinder, die am Projekt mitgearbeitet hatten, wurden abgeschoben und das Arbeitspensum der Leiter wurde auf ein Maximum erhöht.

Das Projekt verlief in verschiedenen Phasen, erklärt uns Heinricht. Da die Grundschule aufgrund ihrer Entfernung zum Flüchtlingsheim keine Flüchtlingskinder aufnahm, kam die Idee einer Kooperation mit dem Flüchtlingsheim auf, um den Kindern den direkten Kontakt mit Flüchtlingen nicht vorzuenthalten. So entstand eine Gruppenarbeit mit 24 Schulkindern im Alter von neun bis elf Jahren und sechs bis sieben Flüchtlingskinder zwischen fünf und 15 Jahren.

Die Kinder malen Bilder zum Thema Heimat. (Foto-Credit: Sebastian Heinricht)

Vor dem Projekt haben wir ungefähr drei Monate das Thema im Unterricht behandelt. Ich habe Experten eingeladen und wir sind in das Flüchtlingsheim gefahren, damit die Kinder auch alles selbst erleben. Das erste Mal nach dem Besuch im Flüchtlingsheim sagten die Kinder dann, sie hätten neue Freunde gefunden, was mich natürlich sehr gefreut hat. Sie sind total unvoreingenommen auf die Flüchtlingskinder zugegangen. Zwar konnten sie sich nicht mit ihnen mit Worten unterhalten, aber für sie war selbstverständlich: Wir unterhalten uns mit Händen und Füßen, wir singen und spielen zusammen. Unsere erste gemeinsame Arbeit war dann die Bearbeitung der Frage „Was ist eure Heimat?“. Die Kinder haben Bilder über ihre Heimat gemalt und darüber gesprochen. Irgendwann waren wir thematisch gut eingearbeitet und konnten mit der Vorbereitung des Films beginnen. – Sebastian Heinricht

Jeden Montag Nachmittag gab es einen Bustransfer für die Flüchtlingskinder zur Rheinfeldner Grundschule und im Rahmen des Sachkundeunterrichts entstand das Projekt über Flucht und Heimat. Zunächst hatten die Flüchtlingskinder die Möglichkeit, von ihrer Flucht zu erzählen, daraufhin wurde in Kleingruppen Geschichten über die Flucht eines Kindes überlegt und schlussendlich wurde von der gesamten Gruppe eine Geschichte ausgewählt. Nachdem sich die Kinder die Story ganz alleine überlegt hatten, durften sie beim Kulissenbau helfen:

Es war eine Mischung aus natürlichen Dingen wie Gras, Stein, Sand und dann Lego. Wir hatten also einerseits den Lego-Bezug, andererseits auch den Bezug zum Echten. Hätten die Kinder schauspielern müssen, wäre eine weitere Ebene aufgebrochen. Bei Lego müssen sie sich nicht hineinversetzen und können das Ganze einfach auf die Figuren ablegen. Die Durchführung war aber ziemlich schwierig, da die Kids so eine große Fantasie haben. Sie wissen nicht immer, was machtbar ist und was nicht. – Simon Schneckenburger

Ein Junge am Bau der Kulisse. (Foto-Credit: Sebastian Heinricht)

(Foto-Credit: Sebastian Heinricht)

Da die Konfrontation mit der Flüchtlingsthematik im Grundschulalter sehr schwer ist, hatten die Kinder jeden Freitag im Unterricht von Sebastian Heinricht die Möglichkeit, ihre Probleme und Sorgen zu äußern. Der Lehrer erzählt uns, dass die ein oder andere Träne unvermeidlich war. Zum Teil kam es zur Abschiebung von Flüchtlingskindern, die am Projekt mitgearbeitet hatten. Dies war für die Kinder oft unverständlich und musste dann im Unterricht besprochen werden. Doch nicht nur in der Schule, sondern auch schon zu Hause werden viele Kinder mit tragischen Geschichten durch das Fernsehen konfrontiert. Gerade deshalb sei es so wichtig, eine offene Runde zu bieten, in der die Kinder ihre Fragen stellen können, so der Grundschullehrer.

Insgesamt wurden durch die Projektarbeit nicht nur die Kinder an die Thematik herangeführt, wie der Filmemacher Schneckenburger bemerkt. Auch er merke eine Veränderung seiner Sichtweise:

Für uns ist es schon so alltäglich geworden, du siehst es in den Tagesschauen, aber es berührt dich eigentlich nicht mehr. Sobald man sich dann aber intensiv beschäftigt und diese Wand einreißt, mit der man sich davor schützt, merkt man, dass es ein unfassbares, furchtbares, tragisches Thema ist. Man vergisst diese Einzelschicksale einfach oft, während alles andere auf uns einprasselt.

Nachdem die Vorbereitungen beendet und einige Kulissen gebaut wurden, animierten Heinricht und Schneckenburger in der Anfangszeit die Geschichte mit den Kindern. Die Medienarbeit sei im Grundschulalter notwendig, denn fast alle Kinder hätten schon ein Smartphone, erklärt uns Simon Schneckenburger. Er ist überzeugt davon, dass sich der Wandel nicht mehr aufhalten lässt und man deshalb Medienkompetenz auch schon in der Grundschule erlernen sollte. Deshalb gab er den Kindern die Möglichkeit mit Kamera und Laptop zu arbeiten.

Die Kinder durften auch mal abends bis 23 Uhr in der Schule bleiben. Es ist eine echte Geduldssache, Lego zu animieren oder allgemein Stoptrick-Filme. Für Kinder, die nicht die größte Geduld haben, ist das ziemlich schwierig. Wir haben es zuerst in dem Schulrahmen gemacht. Irgendwann mussten wir dann aber feststellen, dass die Kinder den Film zum Abitur bekommen werden, wenn wir in dem Tempo weitermachen. Die schwierigsten Szenen haben wir uns deshalb für zu zweit aufgehoben und das im letzten halben Jahr gemacht. – Sebastian Heinricht

Die Kinder bei der Filmarbeit. (Foto-Credit: Sebastian Heinricht)

Nach über einem Jahr, im April 2017, war es dann endlich so weit. Der Kurzfilm feierte Premiere im Kino in Rheinfelden. Zunächst präsentierte Heinricht die Projektarbeit mit Bildern, die den Entstehungsprozess zeigten. Dann wurde der Film gezeigt. Doch das sollte nur der Anfang gewesen sein, denn die zwei Projektleiter haben für ihren Film Größeres vor.

Der Film wurde bei vier Kinderfilmfestivals eingereicht, hauptsächlich damit die Kinder Anerkennung für ihre Arbeit bekommen. Jetzt fände ich es toll, wenn wir den Film an Schulen bringen würden, denn ich glaube, dass es vielen Lehrern schwerfällt, das Thema im Unterricht richtig anzugehen. Wir dachten, es wäre cool, wenn der Film als Einstieg oder Vertiefung dienen könnte. Derzeit sind wir in Kontakt mit dem Kultusministerium und deren Abteilung Kultur & Medien. Sie wollen unser Projekt in einer Pädagogischen Zeitschrift veröffentlichen und dadurch den Film für Schulen attraktiv machen. – Simon Schneckenburger

Filmpremiere in Rheinfelden. (Foto-Credit: Sebastian Heinricht)

Beiden ist es wichtig, dass der Film noch mehr Leute erreicht. Sollte jemand Interesse daran haben, den Film zu benutzen oder eine neue Idee für die Verwendung haben, dürfe man sich gerne an sie wenden, erklärt uns Sebastian Heinricht. Denn das Projekt und der daraus entstandene Film lehrt viele Dinge, die für unsere Gesellschaft wichtig sind.

Ich finde es schön, mit Kindern zu arbeiten. Denn sie zeigen uns einfach, was uns fehlt – eine kindliche Neugier. Kinder wollen erleben, sich austauschen, sich kennenlernen und all das ohne die Angst, die wir Erwachsenen oft haben. Wir leben in einer Zeit, in der eine große Gefahr besteht, dass die Kinder in Zukunft diese Neugier nicht mehr haben dürfen. Und das nur wegen uns, weil wir Erwachsenen ihnen vermitteln, dass sie Angst haben sollen vor dem vermeintlich Fremden. Deshalb hoffe ich, dass nicht nur der Film, sondern auch das ganze Projekt, das dahinter steckt, ein Zeichen setzen kann. Das, was ich nämlich in der Klasse gesehen habe, war Integration in Perfektion, ohne dass das Wort Integration auch nur einmal gefallen ist. – Simon Schneckenburger

von links: Sebastian Heinricht und Simon Schneckenburger (Foto-Credit: Sebastian Heinricht)

 

Hier könnt ihr den Film ansehen:

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Weitere Eindrücke zum Großprojekt:

(Foto-Credit: Sebastian Heinricht)

(Foto-Credit: Sebastian Heinricht)

(Foto-Credit: Sebastian Heinricht)

Weitere Infos über den Film findet ihr auf der Facebook-Seite.