24. Oktober 2019

SC-Stadion: Fall zeigt wie Journalismus heute funktioniert

Die gestrige Berichterstattung über das Urteil der stark eingeschränkten Nutzungszeiten des neuen SC-Stadions und die am späten Abend veröffentlichte Information der wahrscheinlich veralteten Lärmschutzwerte auf welchen das Urteil beruhte, zeigen einmal mehr, wie der journalistische Informationsfluss heutzutage funktioniert.

Es war die Hammer-Meldung des gestrigen Tages: Der SC darf sein neues Stadion nur bis 20 Uhr nutzen! Der baden-württembergische Verwaltungsgerichtshof (VGH) hatte in Bezug auf Lärmschutzbestimmungen entschieden, einer Klage der Anwohner aus dem nahegelegenen Stadtteil Mooswald stattzugeben. Die Entscheidung löste nicht nur bei vielen Fans, sondern auch bei Stadt und Verein entsetzen aus. Der Spielbetrieb in der ersten Liga wäre davon betroffen, im Falle eines Abstiegs in die zweite Liga (bei den jetzigen Anstoßzeiten) kaum noch möglich. Ganz zu schweigen von englischen Wochen, Pokalspielen oder internationalen Spielen. Und am schlimmsten, laut den ersten Medienberichten gab es auch keine Möglichkeit der Revision gegen dieses Urteil.

Ganz Freiburg diskutiert

Diese Meldung verbreitete sich daher gestern wie ein Lauffeuer. Als ich nachmittags nach einem Termin wieder in die Redaktion kam, war sie schon gut zwei Stunden alt. Beim Blick aufs Handy stellte ich fest, dass schon zahlreiche Whatsapp-Gruppen über das Thema diskutierten. Sogar die ersten Verschwörungstheorien gab es bereits: Der Richter sei wohl VFB-Fan und wo man in der Landeshauptstadt den Bundesligisten und Rivalen aus Freiburg gerade sportlich nicht schlagen kann, würde man eben diesen Weg der Schikane betreiben. Auch nach Feierabend war die Freiburger Stadion-Meldung das bestimmende Thema. Ich traf Freunde und diskutierte mit ihnen, guckte die zahlreichen Kommentare unter unserer Facebook-Meldung durch und sogar ein Freund, der für einen anderen Bundesligisten arbeitet, meldete sich bei mir wegen des Freiburger Stadions. Mit einer gehörigen Portion Selbstironie, wie sie sich für die Region seines Arbeitgebers gehört, schrieb er, dass man sich bei ihnen im Verein schon Sorgen machen würde, den Ruf als größten Chaosclub der Liga zu verlieren. Da der angesprochene Bundesligist gut 500 Kilometer von Freiburg entfernt angesiedelt ist, begriff ich, dass sich diese Meldung auch außerhalb des normal lokalen Radius stark verbreitete.

Aprilscherz im Oktober

Als ich später am Abend nach Hause kam und die ersten Meldungen über angeblich veraltete Lärmschutzwerte, auf welchen das Gericht sein Urteil stützte, laß, musste ich dann doch erst einmal lachen. Irgendwie erinnert das alles an einen gut getarnten April-Scherz, der nun von den Medien wieder aufgelöst worden ist. Nun ja, wir haben nunmal nicht April und ich stellte fest: All die Aufregung der vergangenen Stunden um das Thema war umsonst. Das Gericht hatte seinen Fehler gegenüber dem Freiburger Regierungspräsidium angeblich selbst schon eingestanden und Stadt und Verein zeigten sich daraufhin erleichtert. Dennoch war es wieder einmal so ein Moment, in welchem man sich über die heutige Verbreitung von Informationen Gedanken macht. Grundsätzlich hatte ja nach den bisherigen Erkenntnissen – bis auf den Richter oder die Person, die dafür verantwortlich ist, dass das Gericht falsche Werte zu Rate zog – niemand einen groben Fehler gemacht.

So funktioniert Journalismus heute

Die Medienvertreter taten gestern Mittag schließlich ihre Pflicht und musste über dieses Urteil, das befürchten ließ, dass der SC für rund 70 Millionen Euro ein nur eingeschränkt nutzbares Stadion bauen lässt, berichten. Dennoch wäre die Meldung ohne das Internet und vor allem auch ohne Social Media nie in so kurzer Zeit zu so vielen Menschen vorgedrungen. Der Journalismus heute unterscheidet sich grundlegend von dem, wie er vielleicht noch Anfang dieses Jahrtausends war. Dadurch, dass Informationen nicht mehr überwiegend über Plattformen wie Tageszeitungen oder die allabendlichen Nachrichtensendungen im TV verbreitet werden, hat sich der Anspruch an die Berichterstattung drastisch verändert. Anstatt, dass Zeit bleibt, die Meldung inhaltlich oder auf ihre Konsequenzen zu überprüfen, müssen Meldungen heute, wenn sie einen so erheblichen Informationsgehalt haben wie die gestrige, innerhalb von wenigen Minuten überprüft, bearbeitet und veröffentlicht werden. Denn so bestimmen es die User, die Meldungen immer sofort einfordern. Eine ausführliche Recherche, wie und auf welchen Fakten zum Beispiel das Urteil im gestrigen Fall zustande gekommen ist, kann daher allein vom rein zeitlichen Faktor nicht angestellt werden. Dies führte dann dazu, dass die Meldung über das Urteil des VGH sofort die Runde machten und es zunächst hieß von Verein und Stadt sei zurzeit niemand zu einer Stellungnahme bereit – was vermuten ließ, man habe sich dort verkalkuliert. Auch über die möglichen Konsequenzen, nämlich, dass die Deutsche Fußball Liga (DFL) vorsieht, dass alle Vereine ein Heimstadion zu Verfügung haben, dass zu allen möglichen Anstoßzeiten bespielbar ist, und andernfalls der Lizenzentzug droht, war in den ersten Meldungen nichts zu lesen, da unter dem Zeitdruck niemand so eine Recherche anstellte. So hat die Erwartung an die Medien, dass Meldungen sofort und direkt veröffentlicht werden, den Journalismus stark verändert. Anstatt dass Zeit bleibt, eine Meldung ausführlich zu prüfen und ihre Konsequenzen zu recherchieren werden sie, nachdem festgestellt wurde, dass die Hauptnachricht, nämlich im beschriebenen Fall, dass das Urteil so existiert, sofort veröffentlicht. So können solche Meldungen, wie im Fall gestern, viel Aufregung um wahrscheinlich nichts verursachen.

Ausgang ungewiss

Der genaue Ausgang der Story um das Stadion ist übrigens auch jetzt noch nicht absehbar. Der VGH kündigte an, den Vorwurf, dass es sein Urteil auf veralteten Lärmschutzwerten basiere, im Falle einer Anhörungsrüge des Regierungspräsidiums, zu überprüfen. Ein offizielles Statement bezüglich der verwendeten Lärmschutzwerte, liegt aber bist jetzt noch nicht vor.

Wir hoffen, der Artikel konnte euch einen Einblick in unsere Arbeit und dabei auftretenden Problemen geben. Ganz nebenbei drücken wir selbstverständlich dem SC die Daumen, dass der Fall positiv für ihn ausgeht!

 

Foto-Credit Titelbild: Flo Force
Quellen: Kicker, Stuttgarter Nachrichten, Sport1