5. Dezember 2016

Mensch oder Laus? Premiere von „Schuld & Sühne“ im Theater der Immoralisten

Hat ein Mensch das Recht, über wertes und unwertes Leben zu richten? Mit dieser Frage konfrontiert das Ensemble des Theaters der Immoralisten sein Publikum am Premierenabend von "Schuld & Sühne" nach Fjodor M. Dostojewski.

Von: Sophie Kohoutek

Ein schwarzer Raum, Dunkelheit, eine schwarze Gestalt geht auf die Bühne. Mit einem lauten Knall startete die Premiere im Theater der Immoralisten. Das Theater hat mit dieser Premiere seinen Raum im Gewerbehof an der Eschholzstraße vollkommen neu gestaltet: Aus dem weißen, offenen Raum wurde eine Blackbox mit zwei abgestuften Zuschauerreihen. In der Mitte ein Streifen, der die Bühne bildet und die Schauspieler dazu zwingt, in zwei Richtungen zu spielen. Raskolnikoff, der Protagonist des Stückes, hier verkörpert von Jochen Kruß, ist selbst ganz Schwarz gekleidet. Der neue Raum des Theaters wird zu seinem Raum, seinem Kopf, in den er das Publikum reinführt. Nicht nur räumlich kommt man hier als Zuschauer den Schauspielern richtig nah.

Einen 800 Seiten langen Roman in zwei Stunden Theater? Ein schwieriges Unterfangen, dem sich Allround-Talent Florian Wetter, der zusätzlich noch die Musikgestaltung und das Spielen einer Rolle übernimmt, gestellt hat. Und doch bringt er es zustande, die Handlung dieses großen russischen Romans raffiniert zu übermitteln: Der Protagonist ist der überaus talentierte, aber bitterarme ehemalige Jura-Student Raskolnikoff. Aufgrund seines unaufhörlichen Existenzkampfes musste er sein Studium abbrechen und versucht sich mit dem Verkauf von altem Schmuck an eine Pfandleiherin über Wasser zu halten. Mit seiner überdurchschnittlichen Begabung sieht er sich unter den Privilegierten der Gesellschaft, die das Unrecht der Welt mit einem „erlaubten Mord“ zum Wohle des Fortschrittes bekämpfen dürfen. Bereits in der ersten Szene überzeugt Jochen Kruß mit seiner Darbietung der Zerrissenheit eines großen Geistes, der zwischen Genie und Wahnsinn steht. Sein Opfer wird die alte Pfandleiherin, welche sich an der Not anderer bereichere. Leider wird ihre behinderte Schwester das zweite Opfer, da sie unglücklicherweise Zeugin des Mordes wird. Für Raskolnikoff beginnt nun ein Kampf mit dem Gewissen, das sich durchweg mit seinem Hochmut in die Quere kommt. Im ersten Teil des Stückes sind die Grenzen von Halluzinationen und Wirklichkeit noch klar mit einem Lichtwechsel markiert, während die Grenzen nach der Pause verwischen und den Zuschauer immerwährend fragen lassen: Ist Raskolnikoff nun „Mensch oder Laus“? Und hat jemand wie er das Recht, über wertes und unwertes Leben zu richten?

theater

Die Enge und Düsternis des Raumes lässt das Publikum an dieser Frage nicht vorbeikommen. Dadurch, dass man der Hälfte des Publikums gegenübersitzt, sind die Reaktionen der Zuschauer Teil des Stücks. Das Ensemble des Theaters drückt in seiner Immoralisten-Manier, oftmals nicht wenig exzentrisch, den Finger in die Wunde und lässt die Zuschauer nicht ausweichen. Acht Schauspieler verkörpern 16 Rollen und tragen die Handlung spannend und überzeugend vor: Jochen Kruß als Raskolnikoff zwischen Kaltblütigkeit und Verzweiflung, Markus Schlüter als glatter Kommissar, Anna Tomicsek als derbe Pfandleiherin und zarte Sonja. Aber auch Daniel Leers, Chris Meiser, Gabriele Rissler und Florian Wetter machen mit Stärke und Präsenz auf der Bühne Eindruck. Regisseur Manuel Kreitmeier versteht es, auch kleine Rollen mit Tiefe zu füllen, weiß den neuen Raum richtig zu nutzen und komponiert ein durchweg packendes zweistündiges Theatererlebnis.

Weitere Infos zum Stück und Spielplan findet ihr hier.