29. November 2017

Legal, illegal, scheißegal? Interview mit einem Sprayer aus der Freiburger Graffiti-Szene

Graffitis. Sie sind überall. Unter dem Leidwesen vieler Anwohner werden Häuser, Firmengebäude, öffentliche Plätze aber auch Fahrzeuge beschmiert. Damit kam fast jeder schon einmal in Berührung. Aber warum gibt es ihn überhaupt, diesen Reiz illegal sprühen zu gehen? Und ist illegales Graffiti tatsächlich nur "Rumgeschmiere"? Es gibt auch Beispiele, die das Gegenteil beweisen können. Street Art und Auftragsgraffitis werden in Freiburg immer populärer. Welche Möglichkeiten bestehen denn überhaupt für Sprayer, legal Graffitis zu malen? Können Graffitis, die in Auftrag gegeben werden, dauerhaft sogar für ein schöneres Stadtbild sorgen? Wir haben uns mit einem anonymen Sprüher (21 Jahre) aus der Freiburger Szene getroffen und sehr ehrliche Antworten zum Thema Graffiti erhalten.

Als Vorbereitung auf das Interview zum Thema legale und illegale Graffitis, haben wir uns in der Redaktion mit der Thematik kontrovers auseinandergesetzt. Natürlich ist uns bewusst, dass wir hier auf großen Unmut nicht nur bei euch Freiburgern stoßen, und dass Graffitis zum Beispiel an öffentlichen Plätzen, privaten Hauswänden oder Autos und Zügen illegal sind. Daher ist es uns wichtig, an dieser Stelle ganz klar den Standpunkt der Redaktion mitzuteilen, dass wir illegale Graffitis nicht tolerieren! Die Antworten der interviewten Person sind vollkommen selbständig gewählt und entsprechen bzw. vertreten nicht die Meinung der Redaktion.

Thema „Wie kommt man zum Sprühen?“

Wir beginnen das Interview mit Fragen zum Beginn des Sprühens. Wie kann man sich die Anfänge einer Graffiti Karriere vorstellen? Braucht man Grundkenntnisse um direkt loslegen zu können? Und spielt das Interesse an Kunst eine große Rolle?

Seit wann sprühst du schon?

Anonym: “So richtig mit der Sprühdose, ungefähr seit sieben Jahren. Aber ich bin erst seit drei oder vier Jahren richtig in der illegalen Szene drin, fast ohne Unterbrechung.”

Wieso hast du damit angefangen?

Anonym: “Als ich jünger war, habe ich auf der Playstation immer das Spiel “Getting up” gespielt. In dem Spiel geht es um einen Sprüher. Das hat mich inspiriert und dazu gebracht, mich mit dem Thema Graffiti zu beschäftigen. Irgendwann habe ich angefangen zu zeichnen und habe ein paar Leute kennengelernt, die noch besser zeichnen konnten. Dadurch konnte ich mir Sachen abschauen und lernen. Schließlich hat mich das Thema gepackt und ich wollte direkt richtig loslegen, mit Sprühdose und allem drum und dran.”

Was fasziniert dich an dem Thema Graffitis?

Anonym: “Der Adrenalinflash den man bekommt, weil man erwischt werden könnte, ist auf jeden Fall einer der Gründe, wieso ich sprühe. Diesen Adrenalinstoß spüre ich immer wieder. Manchmal geht die Hemmschwelle weiter nach unten und manchmal liegt sie weiter oben. Bei extremen Aktionen geht sie immer weiter runter. Ich versuche immer wieder das gleiche Adrenalin-Level zu erreichen. Ich würde es mit Befriedigung vergleichen.”

Woher nimmst du die Ideen für deine Graffitis?

Anonym: “Ich habe meinen Stil gefunden und mache einfach das, worauf ich gerade Lust habe. Früher habe ich mir von überall Inspirationen geholt: im Internet, in Magazinen oder von bereits gemalten Graffitis. Dann habe ich alles mögliche selbst ausprobiert.”

Wie entsteht ein Graffiti? Interessierst du dich für Kunst?

Anonym: “Bevor ich losgehe, skizziere ich natürlich meine Idee auf einen Block, damit ich sehe, wie das Ganze als Endergebnis aussehen kann. Das richtige Zeichnen habe ich leider nicht so beibehalten wie früher. Die Vorbereitung eines Graffitis ist nicht mehr so künstlerisch geprägt, wie damals. Früher habe ich mich meistens an die Skizzen gehalten, aber heute zeichne ich einen schnellen Entwurf und das Graffiti wird erst beim Sprühen endgültig umgesetzt.”

In Freiburg nimmt die Anzahl an illegalem Graffiti zu. (Foto-Credit: Privat)

Thema Illegale Graffitis

Wir laufen durch die Stadt und sehen an vielen Wänden Graffitis. Aber nicht nur da, auch Züge und teils Fahrzeuge werden immer wieder bemalt. Wieso ist illegales Graffiti so beliebt?

Wie stehst du zum Thema „illegale Graffitis“?

Anonym: “Mir ist bewusst, dass es illegal ist, trotzdem finde ich es natürlich viel interessanter als legales Graffiti. Die meisten Leute können das nicht nachvollziehen, das verstehe ich aber auch. Es gibt echt gutes illegales Straßen-Graffiti, damit meine ich jetzt nicht das Rumgeschmiere, denn das gefällt mir persönlich auch nicht unbedingt. Aber trotzdem ist man da irgendwie mit drin, wenn man illegal malen geht. Schönes Straßen-Graffiti bedeutet mir viel.”

Hast du eigene Grenzen, wenn es ums illegale Sprühen geht?

Anonym: “Klar hatte ich Phasen, in denen ich eigene Grenzen hatte und meine Hemmschwelle größer war als heute. Solche Phasen gibt es aber immer mal wieder. Früher habe ich beispielsweise in einem Tunnel, in dem es schon viele Graffitis gab, meins dazu gesprüht. Je mehr man sprüht, desto mehr geht die Hemmschwelle runter. Irgendwann besprüht man dann Sandsteinwände, dann Fassaden in der Stadt und dann zum Beispiel Züge. Mittlerweile hab ich keine Grenzen mehr, aber Kirchen und historische Gebäude habe ich nie und werde ich auch nie ansprühen. Zwar habe ich schon größere Kombis bemalt, aber grundsätzlich finde ich Autos zu besprühen in den meisten Fällen auch nicht in Ordnung.“

Was macht es deiner Meinung nach so attraktiv für Leute, illegal sprühen zu gehen?

Anonym: “Leute, die Adrenalinkicks lieben, gehen illegal sprühen. Mal mitzuerleben wie so etwas abläuft, kann für manche die das noch nie gemacht haben interessant und aufregend sein.”

Habt ihr in der Szene Regeln untereinander, was Orte und Gebäude betrifft?

Anonym: “Regel Nummer eins: Wenn sich jemand wirklich Mühe an einer Wand mit einem Graffiti gegeben hat, malt man da nicht drüber. Eine Ausnahme wäre es, wenn es ein schlechtes Graffiti ist, bei dem sich der Sprüher keine Mühe gegeben hat. Insgesamt definieren sich die Regeln aber bei jedem anders. Das kann man nicht pauschal sagen. Unter uns, die sich kennen, weiß jeder was der andere sprüht. Reviere sind in Freiburg nicht so ausgeprägt. In den größeren Städten wie Köln oder Berlin gibt es Reviere, in denen bestimmte Sprüher überall ihre Spuren hinterlassen. Natürlich gibt es einzelne Sprüher die das machen, die sind dann aber nicht sehr beliebt. Da wird dann in der Graffitiszene auch ganz schnell darüber geredet.

Überall wird gesprüht, auch an der Dreisam. (Foto-Credit: Privat)

Thema Legale Spots

Obwohl die illegale Graffitiszene immer größer wird, stellen Städte wie Freiburg legale Spots für Sprüher, um sich künstlerisch betätigen zu können. Wir wollen wissen, welche Regeln an diesen öffentlichen, legalen Orten herrschen und wieviele dieser legalen Spots es in Freiburg gibt.

Wo gibt es in Freiburg legale Spots, an denen man sprühen darf?

Anonym: “Insgesamt gibt es, glaube ich, um die vierzehn Stück. Dazu gibt es einen Flyer, der eine Übersicht der legalen Spots in Freiburg zeigt. Ein paar von denen ich weiß, sind beispielsweise einmal bei der Straßenbahnhaltestelle „Ganter Brauerei“ in der Unterführung, oder bei der Schwabentorbrücke an der Dreisam, auch “Dreisamhall” genannt. Richtung Diakoniekrankenhaus gibt es auch zwei Stück. Es gibt einen Haufen legaler Spots in Freiburg. Außerhalb der Wände ist Graffiti natürlich verboten und somit illegal, so gibt das die Stadt vor.”

Gibt es bestimmte Regelungen unter den Sprayern, oder Einschränkungen der Stadt Freiburg in Bezug auf die legalen Spots?

Anonym: “Das ist bei jedem anders. Wenn ich mit ein paar anderen Leuten hingehe, sprühe ich dorthin, wo es am besten passt. Auf der anderen Seite, wenn sich da jemand mit seinem Graffiti total Mühe gegeben hat und viel Geld in Dosen investiert hat, dann ist es nicht so toll, wenn jemand einfach mit einer großflächigen Dose Silber drüber sprühen würde. Das würde mich im Endeffekt persönlich auch aufregen.

Hast du schonmal an legalen Plätzen gesprüht?

Anonym: “Ja, habe ich, aber mittlerweile hat es stark nachgelassen. Heutzutage sprühe ich nur noch ein- bis zweimal im Jahr an legalen Spots. Es ist etwas anderes, man kann es nicht mit illegalen Graffiti vergleichen.

Denkst du, dass wenn es mehr legale Spots geben würde, sich das illegale Sprühen verringern, wenn nicht sogar stoppen lassen würde?

Anonym: “Nein, ich denke stoppen könnte man es auf keinen Fall. Ich denke sogar, dass es dann noch mehr ausarten würde. Es müsste ja automatisch immer mehr Läden geben, die Dosen und Graffitizubehör verkaufen. Es würden viel mehr Leute auf die Idee kommen, sprühen zu gehen. Allerdings ist das von Stadt zu Stadt auch unterschiedlich. In der Schweiz beispielsweise, sind die Verantwortlichen sehr hinterher und putzen immer gleich alle besprühten Flächen. In den Innenstädten der Schweiz sieht man nicht viel Graffiti, dort ist alles schön sauber. Dann gibt es Städte, wie beispielsweise Hamburg und Bonn, in denen alles voll ist mit Graffiti und man erst nach einem geeigneten Spot suchen muss, wo das eigene Graffiti noch hinpassen könnte.

Auch legale Spots sind beliebt. (Foto-Credit: Abbildung ähnlich)


Thema Auftragsgraffitis

Immer mehr Graffitis werden von Hauseigentümer oder Grundstücksbesitzern als Auftrag „bestellt“. In Berlin beispielsweise sieht man überall große Hausfassaden, die kunstvoll bemalt sind. Oft dauert es tagelang ein Auftragsgraffiti fertigzustellen.

Denkst du, es wird immer populärer, beispielsweise wie in Berlin, Sprüher zu beauftragen, um Gebäude zu verschönern?

Anonym: “Ja, es gibt immer mehr Streetart und Graffitis, die in Auftrag gegeben wurden in Freiburg. Das ist mir schon aufgefallen und das finde ich auch echt interessant. Das ist die Art von legalem Graffiti, die mir gefällt. Es sieht einfach gut aus, wenn große Gebäude auf einer durchgehenden Fläche mit einem riesigen, gut gemachten Graffiti besprüht sind. Es wird auf jeden Fall immer mehr, das sieht man langsam auch in Freiburg.

Denkst du, dass Bürger durch legale Aufträge mehr Toleranz entwickeln könnten?

Anonym: “Ich denke, es wird immer Leute geben, die Graffiti, ob es legal oder illegal gesprüht wurde, nicht schön finden. Die schauen dann lieber auf eine graue Wand. Ich kenne aber auch ganz viele Leute, denen Auftragsgraffitis super gut gefallen, die aber illegale Graffitis hassen. Klar ist, dass nur weil Leute Auftragsgraffitis mögen, nicht automatisch Verständnis für Illegales zeigen.”

Wir bedanken uns für das interessante Interview und hoffen,
euch einen spannenden Einblick in die Freiburger Graffiti-Szene gegeben zu haben.

 

Foto-Credit: Mr.Chris, Christian Zenker