7. April 2020

Interview: Gesichtsvisiere aus dem 3D-Drucker

Neben Desinfektionsmittel sind Gesichtsschutze momentan wohl das gefragteste, aber auch knappste Gut. Besonders für medizinisches Personal ist diese Knappheit gefährlich. Im Umgang mit Erkrankten ist es häufig unmöglich eine sichere Distanz zu halten, ein Schutz ist daher unabdingbar. An dieser Stelle springt die Initiative Techies vs. Corona ein. Hierbei handelt es sich um einen Zusammenschluss technikbegeisterter Menschen, die mithilfe von 3D-Druckern Behelfsvisiere herstellen und im Anschluss an medizinische Einrichtungen ausliefern. Wir haben mit den Koordinatoren Matthias Breitwieser und Severin Vierrath gesprochen.

Neben Desinfektionsmittel sind Gesichtsschutze momentan wohl das gefragteste, aber auch knappste Gut. Besonders für medizinisches Personal ist diese Knappheit gefährlich. Im Umgang mit Erkrankten ist es häufig unmöglich eine sichere Distanz zu halten, ein Schutz ist daher unabdingbar. An dieser Stelle springt die Initiative Techies vs. Corona ein. Hierbei handelt es sich um einen Zusammenschluss technikbegeisterter Menschen, die mithilfe von 3D-Druckern Behelfsvisiere herstellen und im Anschluss an medizinische Einrichtungen ausliefern. Wir haben mit den Koordinatoren Matthias Breitwieser und Severin Vierrath gesprochen.

Was ist eure Rolle in der Aktion?

Wir versuchen gerade die vielen Akteure der Aktion unter einem Dach zu koordinieren. Es gab ja schon in Freiburg einige, die aktiv Gesichtsvisiere für medizinische Einrichtungen hergestellt haben. Auf Anregung von Prof. Spies von der Uniklinik haben wir aber dann die zentrale Organisation der vielen Freiwilligen übernommen, um mit den vielen Engagierten und den vielen Maschinen am Schluss ein Produkt herstellen und liefern zu können. Wir arbeiten eigentlich im Bereich der nachhaltigen Mobilität, freuen uns aber sehr, aktuell etwas durch die Koordination beitragen zu können!

Wie ist die Aktion entstanden oder wodurch ist sie inspiriert?

Die Aktionen aus Norditalien, wo durch 3D-Druck schnell lebenswichtige Bauteile für Beatmungsgeräte hergestellt werden konnten, gingen ja groß in den Medien herum. Daraus entstanden etliche Initiativen weltweit, das hat letztlich auch uns inspiriert. Am 26. März  haben wir dann einfach Kontakt zur Uniklinik Freiburg aufgenommen. Da wurde schnell klar, dass auch hier in der Umgebung großer Bedarf besteht. Von da an ging alles sehr schnell!

Wie viele Teilnehmer gibt es bereits?

Die Unterstützung ist überwältigend, wir bekommen täglich Zusagen, auch von größeren Instituten oder Firmen. Gleichzeitig trudeln aber auch viele Anfragen ein. In unserem gemeinsamen Chat sind fast 80 Engagierte angemeldet, die meisten aus dem Raum Freiburg, viele bei Forschungsinstituten, der Uni Freiburg oder Firmen, die etwas mit 3D-Druck zu tun haben, aber auch viele technisch versierte Privatpersonen. Das Projekt existiert jetzt  seit dem 27. März 2020. Wir sind aber bei weitem nicht die einzigen oder ersten. Makervsvirus.org ist ein super “Dachverband”, der Bedarf und Angebot weltweit zusammenbringt. Wir unterscheiden uns von den meisten dort gelisteten Anbietern, weil wir eine Art koordinierte “Schwarmproduktion” fahren. D.h. wir bündeln viele Prozesse, wie Beschaffung oder eben die Anfragen. Das spart viel Zeit und gleichzeitig sind wir dank 3D-Druck dennoch so flexibel, dass wir innerhalb eines Tages das Erzeugnis wechseln können.

Welcher Typ Masken wird produziert?

Wir produzieren keine Atemmasken, sondern sogenannte Gesichtsvisiere. Die sollen vor infektiösen Tröpfchen schützen. Eine zertifizierte Atemschutzmaske ersetzt das Gesichtsvisier in keinem Fall. Da es aber zur Zeit einen Mangel an grundlegender Ausstattung gibt und gerade die Pflege nicht an ausreichend Atemschutzmasken kommt, versuchen wir diese Lücke zu schließen. Unsere Gesichtsvisiere sind besser als nichts, aber eben eher eine Notlösung. Aus Berichten anderer Länder wie der Wuhan-Region in China oder Italien wissen wir aber, dass sie sich als sehr sinnvoll erwiesen haben. Aber ganz klar: In wenigen Wochen hoffen wir, dass professionelle Hersteller von medizinischem Equipment endlich liefern können und wir die ehrenamtliche Produktion einstellen können!

Schutzvisiere aus dem 3D-Drucker

Gesichtsvisiere aus dem 3D-Drucker
Foto-Credit: Techies vs. Corona

Woher kommt das Datenmodell für die Gesichtsvisiere?

Der Hersteller für 3D-DruckerPrusa” hat das Modell “RC3” online zur Verfügung gestellt und die Community entwickelt es derzeit in viele Richtungen weiter. Auch wir nutzen das Modell und seine Abwandlungen oder passen es auch an unsere Bedürfnisse an.

Wie viele Visiere können pro Teilnehmer am Tag produziert werden?

Das ist ganz unterschiedlich, manche von uns haben einen Drucker und stellen so 4-5 Gesichtsvisiere pro Tag her. Neulich hat sich jemand gemeldet und meinte er könnte 3000 Stück pro Woche fertigen. Aber im Mittel sind es wenige Stücke pro Tag, Person und Drucker. Wenn ein größerer Hersteller seine Spritzgussmaschine umstellt, kann er in einer Stunde so viel produzieren, wie wir in mehreren Wochen. Daher sehen wir uns ausschließlich als Übergangslösung.

Wie wird die Qualität und Sicherheit kontrolliert und gewährleistet?

Qualitätssicherung ist natürlich ein schwieriger Punkt für einen zwei Wochen alten, zusammengewürfelten Haufen. Trotzdem versuchen wir vor der Lieferung zumindest das gröbste abzufangen. Besonders wichtig zu erwähnen ist, dass wir kein zertifizierter Hersteller sind und die Gesichtsvisiere auch nicht für den medizinischen Einsatz zugelassen sind. Es gibt wohl schon ein paar Anwälte, die die Situation jetzt ausnutzen und Abmahnungen verschicken.

Was kostet die Produktion eines Visiers? Stellt ihr sie den Krankenhäusern kostenlos zur Verfügung?

Die Kosten für ein Gesichtsvisier beläuft sich auf ungefähr 5 Euro, inklusive Material und Verschleiß der Gerätschaften. Deshalb verschenken wir die Gesichtsvisiere und schauen dann, dass wir unsere Kosten über Spenden decken können. Da haben sich schon einige sehr großzügig gezeigt, aber wir freuen uns natürlich über jede weitere Spende!

Wie wird die Lieferkette koordiniert?

Wir haben zum Glück ein paar erfahrene Projektingenieure und nutzen viele Onlinetools. Aber allzu professionell darf man sich das nicht vorstellen, wir sind ja immer noch ein zusammengeworfener Haufen, der sich seit zwei Wochen kennt und von denen die meisten nebenher auch noch arbeiten. Geliefert wird mit einer Gruppe freiwilliger Fahrradkuriere des Mountainbike-Freiburg e.V..

Wie kann man mitmachen? Was sind die Voraussetzungen?

Wenn man einen 3D-Drucker oder Lasercutter hat, ist das schon einmal gut. Aber tatsächlich brauchen wir derzeit mehr Unterstützung beim der Beschaffung von Materialien, beim Nähen der Kopfbänder, in der Logistik und beim Zusammenbau. Es darf sich also gerne jede*r melden!

Wir bedanken uns bei Matthias Breitwieser und Severin Vierrath für das Interview und wünschen der Initiative alles Gute! 

 

Interview: Severin Vierrath, Matthias Breitwieser

Titelbild Foto-Credit: iStock/AzmanL