15. Juli 2017

Gender war gestern – Nora oder Ein Puppenheim im Theater der Immoralisten

Swimmingpool statt Salon, pinker Plastikbaum statt besinnlichem Weihnachtsschmuck - die Immoralisten stellen in ihrer Inszenierung von Hendrik Ibsens "Nora oder Ein Puppenheim" eine neue Form von bürgerlicher Spießigkeit vor. Gleichzeitig werden Geschlechtergrenzen gebrochen: Nora wird von einem Mann gespielt. Eindrücke von der Premiere der diesjährigen Open-Air Produktion im Theater der Immoralisten am 13. Juli 2017.

Von: Sophie Kohoutek

Das Ende des 19. Jahrhunderts erschienene Stück des Norwegers Hendrik Ibsen wird in der Freiburger Produktion ins Kalifornien der heutigen Zeit verlegt. Weihnachten findet dieses Jahr im Sommer statt – nicht nur das wird von den Immoralisten auf den Kopf gestellt. Nora und ihr Mann Torvald Helmer leben in einer Welt des Luxus und Konsums: IPad, Swimmingpool und Kitsch. Nora badet im wahrsten Sinne des Wortes im Überfluss und mimt das verzogene Frauchen – nur dass die Rolle von einem Mann gespielt wird. Jochen Kruß schlüpft für seine Darbietung der Nora in einen Bikini, während ihr Mann Helmer vom neuen Ensemblemitglied Lisa-Lena Tritscher aus Graz verkörpert wird.

Streng und hart – Lisa-Lena Tritscher als Torvald Helmer.

Ibsens „Nora“ ist ein Stück über Emanzipation. Das Püppchen wird von ihrem Mann verwöhnt, der sie steuert und mit harter Hand beherrscht. Das scheinbar naive Frauchen Nora hat jedoch ein Geheimnis: Als ihr Mann sterbenskrank war, rettete sie ihm mit einem Kuraufenthalt das Leben. Um einen Kredit dafür aufnehmen zu können, fälschte sie die Unterschrift ihres Vaters. Rechtsanwalt Krogstad kennt Noras Geheimnis und erpresst sie, um eine höhere Stellung in der Bank Helmers zu erhalten. Aus dem stets fröhlichen Vögelchen, das seinem Ehemann gefallen will, wird eine nachdenkliche Frau, die zunehmend nach Selbstbestimmung strebt und am Ende Mann und Kinder verlässt. 
Die emanzipatorische Wendung wurde bei der deutschen Erstaufführung in Hamburg 1880 jedoch aufgehalten: Statt den Mann zu verlassen, blieb Nora der Kinder wegen, um die gesellschaftlich wichtige Institution Ehe zu erhalten. Noch im selben Jahr wurde in München Ibsens Original-Schluss gespielt.

Lisa-Lena Tritscher und Jochen Kruß als spießbürgerliches Ehepaar.

In der Inszenierung der Immoralisten werden Nora und Helmer zu queeren Wesen: Nora trägt zu Beginn des Stückes zwar Frauenkleidung, wird jedoch nicht mit falschen Brüsten und Perücke zum Transvestiten gemacht. Jochen Kruß sorgt mit seinem femininen Auftreten für Unterhaltung im Publikum: Hier sitzt jede Bewegung und sorgt für ein ganzheitliches Rollenbild, das er voll und ganz durchdringt. Von Lisa-Lena Trischers Helmer kann man die Augen nicht lassen. Sie trägt bei ihrem ersten Auftritt Sportkleidung: Kraftvoll eröffnet die Grazerin mit einer Fitnesseinlage das Stück. Ihr Helmer wird nicht durch einen angeklebten Schnurrbart zum Mann, sondern durch autoritäres Auftreten und eine starke Hand – das funktioniert sogar, oder erst recht, mit rotem Lippenstift. Gender war gestern!
Die fließenden Geschlechtergrenzen verhärten sich am Ende aber doch zu Stereotypen. Nora bekommt ein Cheerleader-Kostüm mit roter Perücke und Helmer verkörpert den machomäßigen Footballspieler. Im Zuge der Emanzipation Noras, werden die Geschlechter jedoch erneut vertauscht: Nora verlässt ihren Gatten äußerlich als Mann und Helmer bleibt als schluchzende Frau zurück. Am Ende steht die Frage offen: Werden hier stereotype Rollenaufteilungen von Mann und Frau durch diese Darbietung tatsächlich in Frage gestellt? Feministinnen könnten hier durchaus kritisieren, dass Nora gerade als sie zur Starken wird, als Mann die Bühne verlässt.

Insgesamt ist hier jedoch ein kurzweiliger Abend voller absurd komischer Momente gelungen. Eine erfrischend moderne Textfassung sorgt zusammen mit der punktierten Regie Manuel Kreitmeiers für einen zackigen Handlungsablauf, der in den richtigen Momenten innehält. Verena Huber spielt überzeugend Noras Kinderfreundin Frau Linde, die äußerlich als das genaue Gegenteil der weiblichen Hauptfigur erscheint. Der kranke Arzt Dr. Rank wird von Uli Winterhager als tragisch komische Figur dargeboten, die als Tod die Bühne verlässt. Florian Wetters Krogstad tritt äußerlich als Asi in Sportkleidung auf, der aussieht, als würde er auf dem Schulhof Kindern das Pausenbrot abziehen – er trägt den Wahn und die Gier nach Macht in den Augen. Am Ende tosender Applaus für das gesamte Ensemble!

Frau Linde (Verena Huber) mit Rechtsanwalt Krogstad (Florian Wetter).