25. Oktober 2018

Freiburger Mythen – Der Totengräber und die Kröte

Der Schwarzwald ist voll von sagenumwobenen Orten. Mit unserer Reihe "Freiburger Mythen" wollen wir euch die Sagen und Legenden aus unserer Region näherbringen. Diesmal geht es um einen kaltblütigen Mord und ein ebenso kaltblütiges Tier, das zu einer späten Überführung der Täter hilft.

Freiburger Mythen (10) – Der Totengräber und die Kröte

Verfall und Fäulnis

Der Alte Friedhof in Freiburg, im Jahre des Herrn 1639.

Die meisten Menschen waren überzeugt, auf dem Friedhof fände man nur Tod und Vergänglichkeit. Dass sie diesen Unfug glaubten, lag daran, dass sie den Ort mieden, an dem die Verstorbenen ihre letzte Ruhestätte fanden. Niemand wusste das so genau wie Janus, der Totengräber, den die Freiburger nicht weniger mieden als seinen Arbeitsplatz. In der Erde eines Grabes wimmelte es nur so von Leben – auch wenn es die Art von Leben war, die man als Bürger einer Stadt gerne mied. Würmer, Ratten, Maden – Ungeziefer für die meisten, für Janus aber eben auch Leben.

Wenn er mit dem Spaten in die Erde stach, sah er sich vor, keine Tiere zu verletzen. Meistens klopfte und stampfte er auf die Gräber ein, um ihre Bewohner zu warnen. Das seltsame Bild, das er dabei unweigerlich abgab, mochte mit Grund sein, dass ihm die anderen Menschen aus dem Weg gingen. Janus, der schon seit frühster Kindheit stotterte, fand das nicht weiter schlimm. Er genoss die Stille bei seiner Arbeit. Zurzeit gab es für den Totengräber jede Menge zu tun. Die alten Gräber auf dem Friedhof mussten ausgehoben werden, um Platz für neue Leichen zu schaffen.

Der Alte Friedhof, Foto-Credit: StadtBESTEN

Ein stiller Morgen

Janus begann mit seiner Arbeit früh am Morgen – früher als die meisten Bauern im Umland noch. So störte er niemanden, während er bis zu den Hüften im Grund versunken, Matsch, Erde und Schlamm an die Seite der Gräber schippte. Eine alte Laterne bot ihm Licht in der Morgendämmerung. Meistens wusste er schon einige Spatenstiche bevor er auf die Überreste stieß, dass er am Ziel war. Auch nach den vielen Jahren als Totengräber raubte ihm der Verwesungsgeruch noch immer jedes Mal den Atem. Diesmal war es besonders schlimm. Es reichte nicht, sich abzuwenden. Janus stieg aus der feuchten Grube am alten Friedhof, stützte sich auf seinen Spaten und sog die kühle Morgenluft ein. Langsam beruhigte sich sein Magen. Dennoch wollte Janus nicht wieder direkt in dasselbe Grab steigen, sondern mit einem anderen weitermachen.

Langsam watete Janus durch den niedrigen Morgennebel, um nicht in eines der von ihm geschaufelten Gräber zu fallen. In den letzten Tagen hatte er gut die Hälfte der alten Gräber geöffnet und ausgehoben. Die Särge zerfielen meist vor den Leichen darin, sodass die Knochen offen in der Erde lagen. Deswegen glich dieser Teil des Friedhofs mehr einem Schlachtfeld, als einer Ruhestätte. Und nur die Stille, die der Totengräber so genoss, unterschied die beiden. Umso stärker fiel es auf, als ein hässliches Geräusch sie durchbrach. Ein tiefes, kehliges Quaken waberte irgendwo im Nebel umher.

Das fremde Grab

Janus folgte dem seltsamen Geräusch. Natürlich hatte er schon Kröten in Freiburg gehört und gesehen, doch auf dem Friedhof gab ein keinen Tümpel, keinen Brunnen, nicht mal eine Pferdetränke. Es war ungewöhnlich, dass sich eine Kröte an einen Ort so weit weg vom Wasser verirrte. Außerdem klang sie dumpf, wie durch eine Türe hindurch. Vielleicht war der Lärm, den sie veranstaltete – denn das Quaken schwoll langsam an – eine Art Hilferuf? Janus folgte dem Geräusch ein ganzes Stück über den Friedhof, bis er den Störenfried schließlich ausmachte. Das Quaken drang aus einem der Löcher mitten im Gräberfeld. Auf den ersten Blick konnte er die Kröte nicht sehen, sondern nur einen alten, schmutzigen Sarg. Er war aus solidem, wuchtigem Holz gefertigt, das die Jahre unter der Erde gut überstanden zu haben schien. Als das Quaken erneut erklang, erschrak Janus, denn es drang direkt aus dem intakten Sarg.

Mit pochendem Herz warf Janus einen Blick auf den Grabstein. Der alte Schmied hatte seine Schmiede nicht unweit des Friedhofs am Christoffeltor gehabt, bis er vor ein paar Jahren plötzlich verstarb. Der Totengräber erinnerte sich noch an die Beerdigung. Die junge Frau des Schmiedes hatte so bitterlich über den Verlust geweint, bis der Geselle ihres Mannes sie schließlich wegführen musste. In Abwesenheit der Frau und seines Gesellen war der Schmied schließlich beerdigt worden – doch das war bereits Jahre her. Wie konnte jetzt eine Kröte in dem Sarg sitzen und quaken? Janus hatte schon viel Getier in den Gräbern gefunden, doch das konnte er sich nicht erklären. Der Totengräber hatte eine Gänsehaut. Hätte er an Geister geglaubt, wäre er wohl von Angst davongelaufen. Doch er fürchtete sich nicht vor solchen Dingen – ein Totengräber weiß, was ihn eines Tages erwartet. Und er hat genug Zeit, um sich mit dem Gedanken abzufinden.

Die Kröte im Schädel am Fuße des Friedhofskreuzes ist leicht zu übersehen. Foto-Credit: StadtBESTEN

Die begrabene Kröte

Mit entschlossenen Griffen stemmte er den Sarg des Schmieds auf. Wie immer drang ihm der faulige Gestank entgegen, als Janus einen Blick hineinwarf. Der Körper des einst stattlichen Mannes war in sich zusammengefallen. Auf seinem hohlen Brustkorb ruhte noch der schwere Schmiedehammer, dem man ihm mitgegeben hatte. Doch von der Kröte fehlte jede Spur. Erst als Janus den Sargdeckel beiseite legte und seine Laterne dichter an das Grab zog, erkannte Janus eine Bewegung. Der Schein seiner Laterne wurde am Kopfende des Sargs von etwas Glitschigem reflektiert. Schließlich entdeckte er die Kröte, die mit geblähten Backen im hohlen Schädel saß und den Totengräber mit ihren großen Glubschaugen unverhohlen anstarrte.

Langsam tastete sich Janus im Grab nach vorne und streckte seine Hand nach der Kröte aus. Sie war zu lebendig, um in einem Sarg zu hocken. Doch die kleine Kröte wollte sich nicht so einfach aus ihrem Versteck locken lassen. Gerade als Janus nach ihr greifen wollte, fühlte er etwas kaltes, metallenes unter seinen Fingern. Es fühlte sich nicht wie Knochen an, da war Janus sich sicher. Behutsam griff er nach dem Schädel. Mit einem Satz sprang die Kröte heraus, sodass der Schädel kaum noch etwas wog. Der Totengräber wendete ihn im Laternenschein und betrachtete das Fundstück ausführlich. Schnell fiel ihm der gewaltige Nagel auf, der den Knochen durchbohrt hatte und dann krummgeschlagen worden sein musste. Der Schmied war keines natürlichen Todes gestorben. Jemand hatte ihn umgebracht. Und – dank der seltsamen Kröte – konnte Janus das auch beweisen!

Die Spuren der Sage

Es heißt, dass die Frau des Schmieds und der Geselle, die inzwischen geheiratet und die Schmiede übernommen hatten, des Mordes überführt worden sind. Am Fuße des großen Friedhofskreuz auf dem Alten Friedhof in Freiburg ist das Beweisstück des hinterhältigen Mordes abgebildet. Wie in der Sage ist deutlich der Nagel in der einen Schädelhälfte und die Kröte in der anderen zu sehen. Das Christoffeltor, an dem der Schmied gewohnt haben soll, existiert nicht mehr. Ehemals stand es etwa auf Höhe des heutigen Siegesdenkmals.

Mit dieser schaurigen Sagen wünschen wir euch ein furchtsames Halloween!

Quelle: Der Alte Friedhof (Wikipedia)