19. Oktober 2018

Freiburger Mythen – Wandelnde Tote unter dem Münsterplatz

Der Schwarzwald ist voll von sagenumwobenen Orten. Mit unserer Reihe "Freiburger Mythen" wollen wir euch die Sagen und Legenden aus unserer Region näherbringen. Heute betrachten wir den ehemaligen Friedhof unter dem Münsterplatz. Dort soll ein schrecklicher Horror gewütet haben. Die Freiburger glaubten, dass sich die Leichen aus ihren Gräbern erheben.

Freiburger Mythen (9) – Wandelnde Tote unter dem Münsterplatz

Die Herrschaft der Eisheiligen

Der Münsterplatz in Freiburg, im Jahre des Herrn 1510.

Es war eine bitterkalte Nacht im Mai. Der Boden um das Münster glitzerte und glänzte fast so sehr wie der sternenklare Himmel über ihm, denn eine dicke Eisschicht hatte sich über die Erde gelegt. In jener Nacht zwischen dem Tag des Heiligen Bonifatius und dem der Jungfrau Sophia war der Mond eine schmale Sichel aus milchigem Silber. So musste die Klinge des Sensenmannes schimmern, glaubte Magda während sie durch die Nacht huschte. Die alte Frau erinnerte sich nicht, jemals eine so kalte Nacht erlebt zu haben. Und dennoch fröstelte sie bei dem Anblick der Mondsichel noch etwas mehr als zuvor. Magda raffte ihren Rock, um so schnell wie möglich nach Hause zu ihrem Mann eilen zu können. Doch dann durchbrach ein furchtbares Knacken die Totenstille der Nacht.

Wie festgefroren war Magda stehen geblieben und murmelte leise: „Heilige Sophia stehe mir bei.“ Zitternd senkte sie ihren Blick auf den erdigen Boden des Münsterplatzes vor sich. Etwas Weißes schimmerte ihr von unter ihren Stiefel entgegen. Länglich und dürr war es. Und als die alte Frau begriff, dass es ein knöcherner Finger war, der sie in sein modriges Grab herabziehen wollte, wankte sie zurück. Irgendetwas gab unter ihr nach und brachte sie ins Straucheln. Gleich darauf fand sich Magda auf dem eisigen Boden wieder. Und als sie bemerkte, wie sie die hohlen Augen eines schmutzigen Schädels ansahen, erlosch auch der Mond und es wurde schwarz um Magda herum.

Die sterblichen Überreste eines Menschen. Foto-Credit: iStock.com/Nirut Punshiri

Ein Blick in leere Gräber

Wandelnde Tote,“ flüsterte der bleiche Kirchendiener seine Befürchtung. Balthasar von Augen schnaubte verächtlich, ohne seinen Blick von der Schmuckfigur an der Brüstung des Münsters zu nehmen. Die zarte Gestalt „unserer lieben Frau“ wachte mit barmherzigen Blick über die Toten, die auf der Nordseite des Münsters begraben lagen. Als Geistlicher Rat war er natürlich mit den Riten und Gebräuchen der Kirche vertraut. Selbstverständlich vergrub man die Toten, zumindest jene, die weder Geld noch Einfluss besaßen, auf der Schattenseite des Münsters – dort, wo sie schnell vergessen werden konnten. Solange sie in ihren Gräbern liegen blieben zumindest…

Die Schmuckfiguren auf der Südseite des Freiburger Münsters, Foto-Credit: Abbildung ähnlich…

„Seht hier, hochwürdiger Herr Geistlicher Rat,“ forderte der Kirchendiener auf. „Die Friedhofserde ist völlig aufgewühlt. Hier muss sich einer der Leichname erhoben haben. Vermutlich jener, der die arme Frau erwischt hat.“ Balthasar zog eine Schriftrolle aus seinem warmen Mantel und warf einen Blick auf das Schreiben. Ursache des Todes: Herzversagen. Er war hier, um seiner Kaiserlichen Majestät Maximilian I. eine fundierte Antwort zu liefern und nicht um voreilige Schlüsse zu ziehen. Er sah auf einen aus der Erde ragenden Schenkelknochen. „Weit scheint der Leichnam nicht gekommen zu sein, nachdem er sich erhoben hat,“ stellte er fest und musterte den Kirchendiener. „Wir nehmen an, es gab einen Kampf, hochwürdiger Herr Geistiger Rat.“ Balthasar schüttelte den Kopf. „Und dann hat diese arme, alte Frau sie erschlagen…, diese Skelette? Nein. Ich will nichts mehr hören über wandelnde Tote. Sammelt die Knochen ein und tragt sie zusammen.“

Rückkehr der Totenruhe

Die Stimme des Geistlichen Rates hatte keinen Widerspruch zugelassen. Und so hatte der Kirchendiener zusammen mit einigen unglücklichen Umstehenden, die als Freiwillige ausgewählt worden waren, fast zwei Stunden auf dem Münsterplatz zwischen den aufgewühlten Gräbern verbracht. Nun war neben jedem einzelnen Grab ein Leintuch ausgebreitet, auf dem die Knochen der einzelnen Leichen gesammelt worden waren. Balthasar schritt zwischen den abergläubischen Arbeitern entlang, die alle halblaut ihr Ave Maria beteten, um Gott um Vergebung zu bitten. Sie wollten nicht in Berührung mit den verfluchten Knochen kommen.

Der bleiche Kirchendiener wischte sich die klebrigen Erdklumpen von den Händen. Ein Frösteln schüttelte seinen Körper. Auch jetzt zur Mittagsstunde war es eisig kalt auf der Schattenseite des Münsters, wo kein Licht hinfiel. „Nun?“ Geduld war nie Balthasars Stärke gewesen. Er war ein Mann des Intellekts, der nicht auf Fakten warten wollte, die andere für ihn sammelten. „Sind alle Gebeine aufgetaucht?“ Sein Gegenüber nickte. Balthasar hatte sie jeden einzelnen Zahn suchen lassen, um sicherzugehen. Nun zeigte er auf die kleine Kapelle, die dem Heiligen Andreas geweiht war. „Bringt die gesammelten Gebeine dort hinein. Sobald der Frost nachlässt und die Erde auftaut, hebt ihr auch die anderen Gräber aus und bergt die sterblichen Überreste.“

Der Kirchendiener schluckte sichtlich erschrocken. „Aber mein hochwürdiger Herr Geistlicher Rat! Diese Gräber sind unversehrt, diese Toten haben sich nicht erhoben.“ Balthasar verbot ihm mit einer strikten Handbewegung den Mund. „Ich habe Euch doch gesagt, dass ich nichts mehr hören will über wandelnde Tote! Niemand hat sich erhoben. Die Leichname lagen nicht besonders tief  in ihren Gräbern und bei der Kälte der Jungfrau Sophia ist der Boden so rasch gefroren, dass die Erde aufgesprungen und geplatzt ist. Dabei kamen die Knochen zum Vorschein. Das hat nichts mit dunkler Magie oder dem Jüngsten Gericht zu tun. Ich werde seine Kaiserlichen Majestät ersuchen, einen neuen Ort zur Beisetzung der Toten zu benennen. Das wäre alles. Ich danke Euch für Eure Arbeit.“

Die Spuren der Sage

Der frühere Friedhof unter dem Münsterplatz wurde, auch um Pestilenzen vorzubeugen, 1510 durch Kaiser Maximilian I. an den Stadtrand Freiburgs verlegt. Die Andreaskapelle, die mit ihrem angeschlossenen Beinhaus den Toten geweiht war, steht heute nicht mehr. Dunkle Steine im Kopfsteinpflaster zeichnen jedoch noch immer ihren Umrisse auf der Nordseite des Münsters nach.

Der schaurige Gedanke, dass unter dem heutigen Münstermarkt einst Freiburger begraben lagen, macht diese Sage so fesselnd. 

Quelle: Archäologie und Geschichte des Münsterplatzes