24. August 2018

Freiburger Mythen – Der Teufelsstein von St. Ulrich

Der Schwarzwald ist voll von sagenumwobenen Orten. Mit unserer Reihe "Freiburger Mythen" wollen wir euch die Sagen und Legenden aus unserer Region näherbringen. Diesmal entführt euch unsere Geschichte in die Vergangenheit von Bollschweil.

Freiburger Mythen (1) – Der Teufelsstein von St. Ulrich

Das Lebenswerk des Ulrich von Zell

Tief im Schwarzwald, im Jahre des Herrn 1083.

Klein und karg war das Kloster – eigentlich eher eine schmucklose Kappelle. Doch für seinen Erbauer gab es keinen schöneren Ort auf dieser Welt. Ulrich von Zell legte seine Hand auf die raue Fassade aus rotem Sandstein und atmete tief durch. Endlich war sein Lebenswerk fertig gestellt. Jahrelang hatte der Mönch die schweren Baumaterialien mit Pferdekarren durch die engen Täler hierher liefern lassen. Gebrochene Achsen, Unwetter und Schlammlawinen hatten den Bau immer wieder erschwert und behindert. Stets war der Bauherr mit neuen Problemen und schweren Entscheidungen geplagt gewesen. Er hatte fast schon geglaubt, dass der Bau verflucht sei. Doch nun war sein Kloster fertig. Keine streikenden Holzfäller mehr, keine verdorbenen Wasservorräte.

Ulrich schob die großen Flügeltüren auf und schritt auf den Altar zu. Das Licht der Abendsonne fiel durch die hohen Fenster und malte die Schatten schwarzer Tannen auf die kargen Klosterwände. Den Mönch fröstelte es. Noch war es kühl hier und einsam. Doch die ersten Handwerker hatten bereits begonnen, sich um das Kloster herum niederzulassen. Der Jäger und seine Frau hatten ihre Holzhütte inzwischen zu einem Häuschen aus Stein ausgebaut. Und vor zwei Tagen hatten sie eine gesunde Tochter zur Welt gebracht. Sie würden bleiben. Bald würde aus der Baustelle ein kleiner Ort geworden sein, der den Namen seines Gründers tragen sollte: Sankt Ulrich.

Ulrich, der Mönch, kniete vor dem Altar nieder und faltete die Hände. Es blieb nur noch eines zu tun, um das Kloster einzuweihen. Übermorgen würde er die Tochter des Jägers taufen. Ihre Aufnahme in die Gemeinde, so glaubte Ulrich, würde gleichzeitig die Gründung dieses Ortes bedeuten.

Die nebelverhangenden Wälder bei St. Ulrich waren damals noch beinnahe unerschlossen. Foto-Credit: Wikipedia / Baumschlumpf

Es fehlt der letzte Stein

Als der Mönch sich aus dem Gebet erhob, war es dunkel geworden. Die Kerze, die er mitgebracht hatte, stand flackernd auf dem kleinen hölzernen Taufbecken. Während Ulrich das Becken betrachtete, wurde ihm klar, dass seinem Kloster noch etwas fehlte. Diese kleine Wanne aus Holz reichte ihm nicht, um sein Lebenswerk einzuweihen. Ein anständiger Stein für das Becken musste her. Doch woher sollte er diesen nehmen? Selbst der letzte Kiesel im Tal war für den Bau des Klosters verwendet worden. Bis morgen einen passenden Stein zu finden, war ein Ding der Unmöglichkeit. Und doch wollte der Heilige es versuchen. Ulrich nahm die Kerze an sich und wandte sich dem Ausgang zu.

Der Schatten einer stämmigen Gestalt erschrak ihn. Ulrich zuckte zusammen. Geduldig wartend stand der Fremde vor der Schwelle des Klosters. Ulrich trat an ihn heran und leuchtete ihm mit der Kerze ins Gesicht. Ein alter Wanderer stand vor ihm. Er hatte einen vollen Bart in der Farbe von Kupfer und seine Augen waren matt. Dem Mönch lief ein Schauer den Rücken hinunter, als er bemerkte dass sich das Licht der Kerzenflamme vollends darin verlor. Diese seelenlose Gestalt konnte nur der Teufel selbst sein. Rasch bekreuzigte Ulrich sich und fragte: „Was willst du?“

Der Wanderer verzog keine Miene. Er legte seine Hand auf den Arm des Mönches – sie war kalt und stark. Unweigerlich musste Ulrich die Kerze senken. „Ich will nicht viel.“ antwortete der Bärtige. „Du suchst einen Stein für das Taufbecken und ich kann ihn dir besorgen, Ulrich. Alles was ich dafür will, ist deine Seele.“ Die Ulrich schluckte. Er wusste, wer vor ihm stand und er wusste, dass er keine Wahl hatte. Um sein Lebenswerk zu vollenden brauchte er das Taufbecken. Dennoch wollte er nicht einwilligen, ohne es an eine Bedingung zu knüpfen.

So nahm er all seinen Mut zusammen und sprach: „Morgen früh bei Sonnenaufgang will ich Messe halten und den Tag einläuten. Bringst du mir den Stein bis zum dritten Glockenschlag, so gehört ich nach dem Tode dir. Schaffst du es jedoch nicht zur rechten Zeit, behalte ich den Stein und meine Seele.“ Die Männer besiegelten die Abmachung mit Handschlag. Dann wandte sich der Bärtige um und begann den Berg zu besteigen. In völliger Dunkelheit bewegte er sich sicheren Schritts und flink wie ein Kater auf der Jagd. Ulrich bekam es mit der Angst zu tun.

Der Teufelsstein von St. Ulrich

Der Mönch verschloss die Türen seines Klosters von innen und eilte mit zittrigen Knien zurück zum Altar. Er bat den Herrn um Beistand. Die ganze Nacht betete er auf Knien und hoffte, dass sie schneller vergehen würde, als der Fremde zurückkommen könne. Schließlich war die Kerze heruntergebrannt und der Morgen graute. Eilig bestieg der Mönch den Turm des kleinen Klosters und begann die Glocken zu läuten. Doch zu seinem Entsetzen sah er von dort schon von Weitem den Bärtigen. Auf seinem Rücken trug er einen gewaltigen, runden Stein, den keine vier Pferde hätten ziehen können. Und dennoch bewegte er sich noch immer rasch durch den Wald auf das Kloster zu. Ulrich ließ die Glocke ein erstes Mal ertönen, doch der Fremde kam zu schnell näher – er würde ihn vor dem dritten Glockenschlag erreichen.

Doch gerade als der Fremde am Waldrand angelangt war, kam ein Sturm auf. Aus heiterem Himmel blies der Wind plötzlich so gewaltig, dass sich knarzend sämtliche Tannen bogen. Auch der Fremde mit dem schweren Stein wurde zurückgedrängt. Er drückte sich mit den Füßen in den Boden und stemmte sich gegen den Wind. Nun erkannte Ulrich die Hufe an den Beinen des Bärtigen. Mit aller Kraft riss Ulrich an den Seilen, um die Glocke ein zweites Mal zu läuten. Der Wind riss nicht ab. Er fuhr durchs Tal, zerrte an Bäumen, Sträuchern und Häusern. Selbst die Wände des Klosters erzitterten. Und der Fremde kam nicht einen Meter voran. Wütend brüllte er auf, hob den Stein von seinem Rücken und holte zum Wurf aus.

Gerade als Ulrich die Glocke zum dritten Mal läutete, schleuderte der Bärtige den Stein in seine Richtung. Ein gewaltiges Krachen was zu hören und Ulrich wurde Schwarz vor Augen.

Ein aktuelles Bild von St. Ulrich in der Morgensonne. Foto-Credit: Wikipedia / Wladyslaw Sojka

Es war still. Kein Vogel war zu hören, kein Windhauch ging mehr. Ulrich öffnete langsam die Augen. Der gewaltige Teufelsstein war wenige Meter vor dem Kloster eingeschlagen. Er hatte einen mächtigen Baum gespalten und mitsamt Wurzeln ausgerissen – doch sein Ziel hatte er verfehlt. Der Turm des Klosters war unversehrt. Ulrich sah erleichtert zum Waldrand auf. Dort stand der Bärtige, wütend schnaubend und am Ende seiner Kräfte. Die aufgehende Sonne blendete ihn. Wutverzerrt sah er zum Mönch im Glockenturm empor, dann wandte er sich um und verschwand zwischen den dunklen Tannen des Schwarzwaldes.

Den Tag nutze Ulrich, um den roten Sandstein auszuhöhlen und ein Becken daraus zu formen. Erst kurz vor Beginn des Gottesdienstes wurde er fertig. In den frühen Abendstunden schließlich hielt Ulrich – gemeinsam mit den ersten Einwohnern seiner kleinen Siedlung – den ersten Taufgottesdienst in St. Ulrich. Bis zu seinem Lebensende verließ der Ulrich von Zell den Ort der Begegnung mit dem Fremden nicht mehr.

Die Spuren der Sage

Bis heute ist das Kloster St. Ulrich gut erhalten. Die kleine Siedlung im Schwarzwald ist inzwischen gut erschlossen und ist ein Ortsteil von Bollschweil. Auch das Taufbecken, auf dem die Teufelsstein- Sage beruht, ist noch zu besichtigen.

Warum stattet ihr dem Kloster nicht mal einen Besuch ab?

Foto-Credit Titelbild: StadtBESTEN

 

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