20. September 2018

Freiburger Mythen – Der Erpel

Der Schwarzwald ist voll von sagenumwobenen Orten. Mit unserer Reihe "Freiburger Mythen" wollen wir euch die Sagen und Legenden aus unserer Region näherbringen. Unsere heutige Sage befasst sich mit einer der düstersten Nächte Freiburgs und wie ein Erpel zum Lebensretter wurde.

Freiburger Mythen (5) – Der Erpel

Nachtwache

Am Rande des Stadtgartens Freiburg, am Abend des 27. November 1944.

Freiburg schien nur noch aus Alten, Frauen und Kindern zu bestehen. Tagsüber herrschte schweigsame Geschäftigkeit in den Straßen. Abends trieb die Angst die Einwohner in ihre Wohnungen. Heute waren keine Wolken am Himmel zu sehen – das war besonders gefährlich. Das „Bombenwetter“ musste in Kriegszeiten allzu wörtlich genommen werden und war deswegen kein Anlass zur Freude. Durch die Fenster blitzten die Sterne in die kleine Wohnung im Erdgeschoss, der Mond war nur eine dünne Sichel. Heinrich war von seinem eigenen Magenknurren aufgeschreckt worden. War er schon wieder eingenickt? Der Vierzehnjährige hatte sich vorgenommen, den Abendhimmel im Auge zu behalten, obwohl seine Großmutter immer wieder gesagt hatte, dass das nicht nötig sei. Wenn Gefahr drohe, betonte sie, würden die Sirenen sie wecken und sie könnten sich in den Luftschutzbunker am Fuße des Schlossbergs zurückziehen. Wach zu bleiben, das war in den Augen der Alten ein überflüssiges Unterfangen. „Man verschläft die Sirenen nicht,“ sagte sie immer. Heinrich hatte trotzdem versucht wach zu bleiben – doch jetzt fielen ihm die Augen zu. Immer und immer wieder.

Heinrich schob sich von der Fensterbank und schlich leise durch die Küche. Aus der kleinen Kammer nebenan drang das gleichmäßige Schnarchen seiner Großmutter. Sie teilte sich ihr Bett mit Rosa, Heinrichs kleiner Schwester. Rosa strampelte sich in der Nacht immer aus ihrer Decke und lag keine Minute ruhig. Heinrich verstand nicht, wie auch nur eine der beiden nachts ein Auge zubekam. Er hatte einen leichten Schlaf und wachte ständig auf, weil die harte Küchenbank unter ihm knarzte und knackte. Aufgrund der Sterne schloss der Vierzehnjährige jedoch, dass es bereits mitten in der Nacht sein musste. Vermutlich würde er rasch einschlafen.

Der Erpel

Kaum hatte Heinrich sich auf der Küchenbank zusammengekauert, ertönte der Lärm. Es war ein solch unerwartetes und penetrantes Geräusch, dass der Junge mit einem Schlag aufrecht in der dunklen Küche saß. Kreischend und heiser waren die Schreie – aber vor allem: nicht zu überhören. Während Heinrich zum Fenster eilte, bemerkte er noch ein anderes Geräusch. Das ruhige, gleichmäßige Schnarchen seiner Oma. Diese Frau schien wirklich nichts zu wecken. Heinrichs Blick fiel in den Stadtgarten. Im dämmrigen Licht war nicht viel zu erkennen. Doch aus derselben Richtung, wie die Geräusche kamen, war auch reichlich Bewegung zu beobachten. Auf dem kleinen Teich saß ein dicker Erpel und flatterte mit seinen aufgespannten Flügeln. Das tosende Wasser flog in unzähligen, glitzernden Tropfen um den Enterich herum. Dabei hatte er seinen langen Hals gereckt und schnatterte aufgebracht in den Nachthimmel.

Das Mahnmal des Freiburger Erpels im Stadtgarten, Foto-Credit: StadtBESTEN Freiburg

Lautstark und mit Nachdruck schloss jemand in der Wohnung über Heinrich den Fensterladen. Offensichtlich war man nicht erfreut über die Ruhestörung des Tieres. Heinrich wunderte sich – er hatte noch nie ein Tier dermaßen wild erlebt und erst recht nicht mitten in der Nacht. Kurzentschlossen rannte er in die Kammer, in der Rosa und ihre Großmutter um die Bettdecke kämpften, ohne aufzuwachen. Heinrich ergriff die Schulter der alten Frau und schüttelte sie. „Großmutter, wach auf. Irgendetwas stimmt nicht.“ Ein Zucken fuhr durch ihren Körper als sie erwachte. Ihren ersten Gedanken sprach sie sofort aus: „Sirenen?!

Eile

Heinrich schüttelte den Kopf. „Nein. Das ist irgendeine Ente, sie schnattert die ganze Zeit.“ Während Rosa sich einfach wieder umdrehen wollte, schien Heinrichs Oma plötzlich hellwach. Sie lag einfach da und starrte an die Decke. Er wusste nicht, ob sie nachdachte oder ob sie unter all dem Lärm noch etwas anderes hören wollte. Schließlich setzte sie sich auf, rüttelte Rosa wach und sah ihre beiden Enkel ernst an: „Zieht euch an. Rasch!

Kurz darauf eilten die drei durch den Stadtgarten. Hätte der Erpel nicht noch immer gelärmt, hätte eine gespenstische Ruhe geherrscht. Man hörte den Wind in den Bäumen und das Plätschern von Wasser, aber keine Sirenen. Nichts warnte vor einer drohenden Gefahr. Niemand, außer der Erpel, konnten von ihr wissen. Aber Heinrich wusste, dass etwas nicht stimmte. Und seine Oma ahntewas es war. Und sie waren nicht die Einzigen. Überall huschten Familien und einzelne Personen durch den nächtlich Park auf den Schlossberg zu und eilten in den Luftschutzbunker. Heinrich konnte die große Metalltüre bereits sehen, in der ein Schatten stand und die Ankommenden hereinwinkte. Doch statt auf ihn zuzurennen, blieb der Junge stehen. Ehe Rosa sich nach ihrem Bruder umdrehen konnte, war Heinrich im Dunkeln des Parks verschwunden.

„Wir müssen schließen!“ drängte der alte, hagere Mann, dessen Morgenmantel auf dem Boden streifte. Rosa stand an ihre Oma geschmiegt und starrte in die Nacht, während diese den Mann beschwor, auf ihren Enkel zu warten. Erst jetzt fiel ihnen auf, dass es still geworden war. So vollkommen still, dass man den eigenen Atem hörte und so vollkommen still, dass ihnen auffiel, dass keine Grille mehr zirpte. Doch dann, weit entfernt heulte das Dröhnen von Motoren auf. Der Mann an der Bunkertür war kreidebleich geworden und sah nun aus wie ein Gespenst. „Sie kommen. Wir müssen schließen.“ Wiederholte er und seine Stimme schien auf einmal brüchig geworden zu sein. In diesem Moment zupfte Rosa hektisch am Ärmel ihrer Oma und wies in den Park. Hastig kam Heinrich durch die Nacht gerannt – den Erpel unter seinem Arm.

Tafel im Gedenken an die vielen schweren Schicksale, Foto-Credit: Dr. med. Mabuse / Wikipedia

Einschläge

Gleich darauf saßen die drei eng umschlungen in einer Ecke des kargen Raumes gedrängt und warteten. Sie waren insgesamt dreiundzwanzig, die es in den Bunker geschafft hatten – Alte, Frauen, Kinder und ein Erpel. Inzwischen schnatterte er nicht mehr, sondern hatte sich inmitten des Raumes auf den Boden gelegt und seinen Kopf unter seinem Flügel verborgen. Er schien, genauso wie die Menschen um ihn herum, zu warten. Für einen Moment wirkte die Stille friedlich und sicher. Heinrich hielt den Atem an und wünschte sich, der Moment würde nicht vorübergehen. Doch dann brach das Donnern los. Die dicken Betonwände erzitterten bei der Erschütterung des ersten Einschlags. Heinrich war sich nicht sicher, ob es die Müdigkeit war oder die Angst, aber erneut fielen ihm die Augen zu. Immer und immer wieder. Schließlich gab Heinrich nach.

Heinrich schlug die Augen auf. Jemand entriegelte die Tür des Bunkers. Tageslicht strömte den langen Gang entlang in dem Raum, in dem sie saßen. Sie mussten die ganze Nacht hier gewesen sein. Doch welch sicheren Ort sie dank dem Erpel im Bunker gefunden hatten, verstanden sie erst, als sie aus dem Bunker traten. Das Bild der Zerstörung um sie herum war bedrückend. Die Innenstadt Freiburgs, die man von hier aus sehen konnte, lag in Trümmern. Ruine reihte sich an Ruine – auch das Haus in dem Heinrich, Rosa und ihre Oma gelebt hatten, gab es nicht mehr. Nur der Turm des Münsters ragte noch, fast unbeschadet, in den bewölkten Himmel auf.

Die Freiburger Innenstadt nach der Nacht vom 27. November 1944, Foto-Credit: Wikipedia / Stadtarchiv Freiburg

Die Spuren der Sage

Eine Gedenktafel erinnert an die schrecklichen Ereignisse in der Nacht des 27. Novembers 1944. In nur zwanzig Minuten sollen damals 351 Flugzeuge 14.000 Bomben abgeworfen haben. Fast 3.000 Menschen kamen ums Leben, weitere Tausende wurden verletzt. Im Stadtpark erinnert eine Statue an die Warnungen, die der Erpel der Sage nach überbracht hat. Der Künstler Richard Bampi schuf das Denkmal im Auftrag des zweiten Freiburger Nachkriegs-Bürgermeisters Wolfgang Hofmanns.

Mit dem Freiburger Erpel erzählt unsere Region eine weitere Sage von einem mutigen Tier.

Quellen: Schwarzwald Aktuell, Gedenktafel (Bild) und Luftaufnahme Freiburg (Bild)

Foto-Credit Titelbild: StadtBESTEN Freiburg