12. Oktober 2018 Freiburger Mythen – Der Tod des Berthold des III.

Freiburger Mythen – Der Tod des Berthold des III.

Der Schwarzwald ist voll von sagenumwobenen Orten. Mit unserer Reihe "Freiburger Mythen" wollen wir euch die Sagen und Legenden aus unserer Region näherbringen. Wie der Gründer Freiburgs selbst zu Tode gekommen ist, erfahrt ihr in dieser Woche.

Freiburger Mythen (8) – Der Tod Berthold des III. 

Ein Knecht der lesen kann

Freiburg auf der Burg der Zähringer, im Name des Herrn 1122.

Als es gegen die Türe der kleinen Kammer hämmerte, fuhr Tillmann so rasch hoch, dass der Kerzenstummel vor ihm erlosch. Eine der unzähligen Pergamentrollen, die auf dem kleinen Schreibpult ausgebreitet waren, klebte dem jungen Pagen an der Wange. Hastig zog Tillman das Blatt ab und strich es glatt. Ein wenig Speichel aus seinem Mundwinkel hatte einen Fleck direkt unter den Namen ganz rechts auf dem Stammbaum hinterlassen. Mit seinem Hemdärmel tupfte Tillmann ihn behutsam trocken. „Bist du soweit, Bengel?“ plaffte Wilbert. Der dicke Soldat war eifersüchtig auf die Gelegenheit, die sich Tillmann bot und scherte sich deswegen nicht darum, dass er den Jungen offenkundig geweckt hatte.

Der Page, der einst als Stalljunge am Hofe des Herzogs begonnen hatte, wandte sich dem Soldaten zu und wischte sich den Schlaf aus den Augen. Ohne zu überlegen, deutete er auf den Stammbaum, auf dem er ungewollt genächtigt hatte. „Heinrich der Schwarze, auch Heinrich der Welf und der Neunte seines Namens, Herzog von Bayern. Er ist der Vater unserer geliebten Herzogin, Sofie von…“ Wilbert unterbrach den Redeschwall des Jüngling, indem er ihm einen Bündel frischer Kleidung vor die Füße warf. „Jaja, ist ja gut, du Naseweis. Zieh dich um und kämm dir die Haare – siehst immer noch aus wie ein Knecht. Die Pferde sind gesattelt. Der Herzog will noch vor Morgengrauen aufbrechen.“ Rasch begann Tillmann sich neu anzukleiden und murmelte dabei halblaut: „Nenn mich ruhig einen Knecht, Willi. Ich habe dir eines voraus – ich kann lesen!

Foto-Credit: Abbildung ähnlich…

Die rechte Anrede

Sechs stolze Pferde standen auf dem Hof. Die dicke Wache und der Pagenjunge waren die letzten, die zu der kleinen Gruppe um Berthold den III. stießen. Die eindrucksvolle Gestalt des schlanken Herzogs war in einen langen Pelzmantel gehüllt. Sein Leibwächter stand, eine Hand auf dem Schwertknauf ruhend, neben ihm und musterte Tillman, der in der dünnen Kleidung leicht zitterte. Der Dezember hatte gerade begonnen und man konnte den Atem der Menschen und Tiere auf dem Hof in kleinen Rauchschwaden aufsteigen sehen. Die edlen Züge im Gesicht des Herzoges regten sich kaum, als er den jüngsten der Gruppe ansprach. „Mein Herold ist bei der Jagd vom Pferd gestürzt und kann mich nicht nach Molsheim begleiten. Kennst du das Geschlecht der Zähringer, Junge?“ Tillman verneigte sich etwas ungeschickt, ehe er eifrig nickte. „Ja, mein Herr. Ihr seid Berthold der III., Herzog von Zähringen, Gründer von Freiburg, Sohn des…“

Der Herzog hatte die Hand gehoben und Tillman war sofort verstummt. „Hier musst du mich niemand vorstellen, Junge.“ Ein harter Knuff von Wilbert traf den Page in den Rücken. „Ja, der Herzog weiß, wer er ist,“ zischte er leise. Der Herzog schien davon keine Notiz zu nehmen und fuhr fort: „Aber du weißt, wie man sich ausdrückt. Woher hast du all das Wissen?“ „Aus Eurer Bibliothek, mein Herr. Ein Mönch im Kloster von St. Georgen brachte mir schon früh das Lesen bei,“ entgegnete der Page artig. Berthold der III. warf seinem Leibwächter einen Blick zu. „Gut. Reiten wir los.“

Ein früher Halt

Kurz darauf, saß Tillman hoch auf einem Pferd und schlang beide Arme um den dicken Wilbert, der schon, seit sie das Tor der Burg verlassen hatten, unablässig schnaubte. Inzwischen war der Nachthimmel entflammt und die rote Morgensonne erleuchtete den Weg der Reisegruppe. „Wohin reisen wir?„, flüsterte der Junge dem Soldaten zu. Doch der Mann vor ihm knurrte zur Antwort mehr, als dass er etwas sagte. Erst als Tillman nochmal nachfragte, verstand er was Wilbert sagte: „Was geht dich das an, Bengel?“ Tillmann war versucht bei seiner Entgegnung mit den Händen zu gestikulieren, wusste aber, dass er dann allzu einfach vom Pferd fallen würde. Also bediente er sich, wie so oft, so gerne und so gut, der Sprache: „Nun. Ich soll unseren Herzog ankündigen und vorstellen, Wilbert. Ich werde also denjenigen ansprechen müssen, den wir besuchen. Und da ist es durchaus von Nöten, dass ich weiß, wer unser Gastgeber sein wird. Meinst du nicht?“ Der Soldat zuckte mit den Schultern. „Unsinn. Wenn jemand fragt, sagst du einfach wer unser Herzog ist. Mit all deinen schlauen Worten…“

In dem Moment ertönte eine laute Stimme in der Morgendämmerung. „Halt! Wer da?„, brüllte ein Mann aus tiefer Kehle. Man konnte ihn nicht gut erkennen, doch er stand neben einem kleinen Haus am Wegesrand direkt vor einer steinernen Brücke. Tillman war sich nicht sicher, doch er glaubte, dass sie die Grenzen des Gebiets der Zähringer langsam erreicht haben müssten. Ein Wächter war also nichts ungewöhnliches. Der Akzent, mit dem der Mann jedoch sprach, hatte Tillmann aufhorchen lassen. Er klang wie ein Mann aus der Fremde. Und das war seltsam. Aus irgendeinem Grund, wollte der Page nicht antworten. Und er schwieg auch, als sich die anderen Reisenden nach ihm umsahen und ihm Wilbert auffordernd mit dem Ellenbogen in die Seite stieß.

Ein hoher Wegezoll

Abermals erklang die tiefe Stimme aus der Morgendämmerung: „Gebt Euch zu erkennen!„, forderte sie. Schließlich war es der Leibwächter des Herzogs, der das Wort ergriff: „Erkennst du denn einen edlen Mann nicht, wenn er vor dir steht? Dies ist der Herzog dieses Gebietes, dein Herr. Jeder Wegezoll, der hier eingetrieben wird, steht ihm zu. Ihm Berthold dem III., …“ Gerade sah sich der Leibwächter nochmals nach dem schweigenden Tillman um, als eine unerwartete Antwort vom Mann am Zollhäuschen ertönte: „Dann seid ihr ja genau die Richtigen. Der Graf Hugo von Dagsheim richtet in tiefster Verachtung seine Grüße aus…“ Ehe auch nur einer der Männer nach seinem Schwert greifen konnte, zischten Bolzen durch die Luft. Wie ein gefällter Baum sackte Berthold in seinem Sattel zusammen. Aus seinen Augenwinkeln sah Tillmann wie es am Waldrand aufblitzte, als mehrere Gestalten ihre Klingen zogen.

Bis die Männer Bertholds zu den Waffen gegriffen hatten und kampfbereit waren, war der leblose Körper des Herzogs bereits zu Boden gefallen. Die Angreifer waren in der Überzahl und stürmten aus dem Dunklen auf die Gruppe zu. „Wir müssen fliehen,“ wimmerte Tillmann Wilbert ins Ohr. Doch der Soldat schüttelte den Kopf. „Dort wo unser Herr bleibt, bleiben wir auch, Junge. Wir sind Soldaten.“ „Ich nicht,“ widersprach der Page hektisch. „Ich bin ein Stalljunge.“ Für einen Moment zögerte der dicke Mann, dann packte er Tillmann am Kragen, zog ihm vom Pferd und knurrte: „Lauf, Stalljunge. Komm mit dem Leben davon und erzähle allen davon, dass Berthold der III. in einem Hinterhalt tapfer gekämpft hat und doch gefallen ist.“

Foto-Credit: StadtBESTEN

Die Spuren der Sage

Berthold dem III. starb am 3. Dezember 1122 in einer gewaltsamen Auseinandersetzung. Seine Männer überführten seinen Leib in das Kloster St. Peter, wo er bestattet wurde. Berthold der III. gilt als Gründer von Freiburg. Bertoldsstraße und Bertoldsbrunnen sind nach ihm benannt. Letzterer zeigt den Herzog der Zähringer hoch zu Pferde mit einem Schild in der Hand und bildet ihn so als Beschützer Freiburgs nach.

 

Wir werden die Statue auf dem Bertoldsbrunnen zukünftig mit ganz anderen Augen sehen!

Quelle: Berthold III. von Zährigen