6. September 2018

Freiburger Mythen – Das Schwabentor

Der Schwarzwald ist voll von sagenumwobenen Orten. Mit unserer Reihe "Freiburger Mythen" wollen wir euch die Sagen und Legenden aus unserer Region näherbringen. Diesmal klären wir, warum das Schwabentor eigentlich Schwabentor heißt.

Freiburger Mythen (3) – Das Schwabentor
oder: Wie ein Schwabe Freiburg kaufen wollte…

Die Ankunft eines Händlers

Freiburg, im Jahre des Herrn 1694.

Schwer rumpelte das breite Fuhrwerk auf dem holprigen Kopfsteinpflaster bis es zum Stehen kam. Zwei große, massive Fässer waren fest auf der Ladefläche verzurrt. Vier Pferde waren nötig, um die Last zu ziehen. Diese schnaubten nun unruhig und scharrten vor dem Obertor mit den Hufen. Hoch über ihnen auf den Fässern thronte ein wohlgenährter Mann in der Kluft eines Händlers. Er schien eine ganze Weile unterwegs gewesen zu sein, denn sein edler Mantel war vom Straßenstaub und Schlammspritzern bedeckt und auf dem breitkrempigen Hut glitzerten die Regentropfen des Unwetters vom frühen Morgen.

Als Georg, eine der beiden Torwachen, den Wagen abschritt, stopfte der Händler sich geduldig seine Pfeife. Der zweite Wächter des Tores, Gunter, trat an ihn heran und entzündete die Pfeife für den Fremden. „Woher kommt Ihr und was habt Ihr geladen?“, fragte er den Händler mit Blick auf die Fässer. Genüsslich sog der Fremde an seiner Pfeife, ehe er antwortete: „Ich komme durch den Schwarzwald aus Tuttlingen. In den Fässern ist Gold, denn ich möchte etwas kaufen.“ Georg, der die Umrundung des Fuhrwerks abgeschlossen hatte, zog eine Augenbraue nach oben als er das hörte. „Und was könnte so teuer sein, dass Ihr dafür zwei Fässer voller Gold nach Freiburg karren müsst?“ Der Schwabe ließ eine Rauchsäule aufsteigen, nahm seine Pfeife aus dem Mund und deutete mit ihr die Stadtmauer entlang. „Die Stadt.“ Gunter und Georg warfen sich einen kurzen Blick zu. Beinahe hätten die Wachen vor Lachen losgeprustet, doch sie beherrschten sich. Gunter trat beiseite und Georg wies die Straße hinunter. „Na dann, auf zum Rathaus!

Der Händler ließ die Peitsche knallen und langsam setzen sich die Pferde in Bewegung. Der schwere Wagen rollte das Osttor, das später einmal den Namen Schwabentor erhalten würde.

Die stolze Stadt Freiburg und die Frage: Was ist sie wert? Foto-Credit: Abbildung ähnlich

Das Angebot des Schwaben

Der Bürgermeister hatte sich auf dem Balkon des Rathauses eingefunden. Einer seiner Berater erklärte ihm halblaut die Lage: der Schwabe hatte eine Audienz verlangt, wollte aber nicht von seinem Gefährt herunterklettern. Er bestand darauf, die beiden Fässer, die er mit sich führte, keine Sekunde aus den Augen zu lassen. So hatte man das Fuhrwerk mit den massiven Fässern auf dem Rathausplatz, direkt vorm Balkon positioniert, und den Bürgermeister hinausgebeten. Dieser betrachtete den Schwaben für ein Weilchen von oben bis unten, ehe er ihn ansprach: „Ich habe gehört, du möchtest einen Handel vorschlagen?

Inzwischen hatte sich eine kleine Ansammlung an Freiburger Bürgern eingefunden und lauschte gespannt der Unterhaltung. Der Schwabe blickte zum Balkon hinauf. „Wohl wahr, Herr Bürgermeister,“ entgegnete er und klopfte auf das schwere Eichelholz der Fässer. „Mein Handel kann sich sehen lassen. Ich habe mein Leben lang gute Geschäfte gemacht, denn ich weiß, was schön und wertvoll ist. Ich habe gefeilscht, verkauft und gespart. Inzwischen habe ich ein beachtliches Vermögen – diese Fässer sind voller Münzen aus Gold – und ich will es in etwas Schönes investieren. So bin ich den weiten Weg hierher gekommen, um Euch Eure Stadt abzukaufen.“ Es war still geworden, als der Händler endete. Nur ein paar Tauben gurrten, denn alle Anwesenden stellten sich den ungeheuren Reichtum vor und schwiegen andächtig.

Die Antwort der Freiburger

Der Bürgermeister blickte sich auf dem Platz um. Alle – auch seine Berater – sahen ihn gespannt an und warteten auf eine Antwort. Doch der Bürgermeister hatte nur ein Schulterzucken für das Angebot übrig. „Freiburg steht nicht zum Verkauf,“ erwiderte er mit klarer Stimme. Der Schwabe, dem die Antwort gar nicht gefiel, verzog das Gesicht und ließ sich von seinem Fuhrwerk gleiten. „Was soll das heißen? So kann man doch nicht verhandeln. Schaut Euch doch erstmal an, was ich Euch biete!“ Doch während er mit einem Brecheisen begann eines der Fässer zu öffnen, um zu beweisen, dass sie voller Gold waren, wandten sich die ersten Freiburger bereits ab. Auch der Bürgermeister hob abwehrend die Hände. „Ihr müsst hier niemandem beweisen, dass ihr Gold dabeihabt. Ihr könntet zwei Karren haben statt zwei Fässern, oder dreißig Säcke voller Edelsteine – Freiburg steht nicht zum Verkauf.“ Die letzten verbleibenden Zuschauer nickten beipflichtend, bevor sie sich wieder ihrer Arbeit zuwandten.

Gerade als der schwäbische Händler verstand, dass die Freiburger ihre Stadt für kein Geld der Welt verkaufen wollten, löste sich der Verschluss des ersten Fasses. Sofort ergoss sich seine Füllung über den Händler und auf den Rathausplatz. Doch statt springenden und klimpernden Münzen, kam der verdutzten Schwaben nur jener rote Sand entgegen, wie man ihn am tuttlinger Ufer der Donau findet. Plötzlich verstand der Schwabe das sanfte Lächeln seiner Frau, als sie ihn verabschiedet hatte. Immer war sie traurig gewesen, in den letzten Jahren in denen sie auf so viel hatte verzichten müssen. Doch bei seiner Verabschiedung hatte sie ungewohnt zufrieden gewirkt.

Wütend buddelte der Schwabe sich aus dem Sandhaufen, kletterte auf seinen Karren und trieb die Pferde im Galopp durch das Obertor aus der Stadt. Und in Freiburg hörte man nie wieder von ihm.

Die Ankunft des Schwaben für alle Zeit festgehalten, Foto-Credit: Wikipedia / Morburre

Die Spuren der Sage

Das damalige Obertor wurde nach diesem Tage von den stolzen Freiburgern in das Schwabentor umbenannt. Der Maler Mathäus Schwäri verewigte die Szene des ankommenden Schwaben um 1700 herum auf dem Tor. Bis heute ist das Gemälde zu sehen und erinnert die Freiburger an den Wert ihrer Heimat.

Auch wir finden, dass Freiburg unbezahlbar ist.

Quellen: Sagen.de und Gemälde am Schwabentor (Quellenverweis)