19. April 2018 Die wohl schönste WG Deutschlands sucht einen neuen Mitbewohner

Die wohl schönste WG Deutschlands sucht einen neuen Mitbewohner

Für die Verfechter* gepflegten Brandschutzes stand dieser Abend unter keinem guten Stern. Das Carl-Schurz-Haus, das colloqium politicum und die Landeszentrale für politische Bildung dürften sich hingegen insgeheim gefreut haben, als ihre Veranstaltung am vergangenen Abend mehr als 1.200 interessierte Zuhörer in das Audimax zog, welches eigentlich eine Obergrenze von knapp 800 Personen vorsieht. Mit über 1.000 hinzukommenden Aufrufen im Facebook-Livestream war sie womöglich eine der wichtigsten „Podiumsdiskussionen“ des diesjährigen Wahlkampfes.

Das große Interesse lag nicht zuletzt an dem einzigartigen Format. Unter dem Motto „OB-Zimmer frei!“ fanden sich mit dem Amtsinhaber Dr. Dieter Salomon (Bündnis 90/Die Grünen), Martin Horn (parteilos, unterstützt durch die SPD Freiburg), Stadträtin Monika Stein (gemeinsame Kandidatin der Grünen Alternativen, Junges Freiburg, Linke Liste und den Unabhängigen Frauen Freiburg), dem unabhängigen Kandidat Manfred Kröber (Grünen-Mitglied) und dem parteilosen Anton Behringer nahezu alle Bürgermeisterkandidaten in einem WG-Casting wieder. Lediglich der AfD-nahe Kandidat Stephan Wermter hat abgesagt.

Für ihr „vielfältiges Haus“ suchten die drei jungen „Juroren“ Anna Lina Mangold, Jannick Bargen, Danny McClelland, allesamt examinierte Politikwissenschaftler, einen „neuen Mitbewohner, der in das 153 km² große Zimmer einziehen möchte und weder ein Problem damit hat, die Küche mit 220.000 weiteren Mitbewohnern zu teilen, noch vor 3 Millionen Besuchern im Jahr zurückschreckt“.

Die Veranstaltung zog mehr als 1.200 interessierte Zuhörer in das Audimax.

Per Los wurde dann einer nach dem anderen in die kuschelig-gemütlich eingerichtete Castingrunde eingeladen und auf formatgetreuer WG-Metaebene über die Themen Finanzen („die WG-Kasse“), Multikulturalismus, Subkultur, Finanzen, Kunsträume, Infrastruktur, Sicherheit und dem All-Time-Klassiker Wohnungsmangel ausgefragt. In Teilen gelang es den Kandidaten, sich ein abgrenzbares Profil zu verschaffen.

Der in der Politik unerfahrene Volkswirt Anton Behringer beantwortete beispielsweise als einziger überhaupt die Frage, wie man künftig Geld nicht nur investieren, sondern auch sparen möchte: im Rahmen seiner „Weiterentwicklung Freiburgs zu einer echten Greencity 2.0“ meint Behringer, solle auf den Bau des neuen Stadtteils Dietenbach verzichtet werden.

Ähnlich ließ auch Salomon in seinen Positionen Raum für ökonomische Erwägungen. Hiermit begründete er unter anderem die auch in anderen Städten zwar durchaus üblichen, aber für Horn und Stein zu geringen 30 Prozent sozialgeförderten Wohnraum der Freiburger Stadtbau. Auch könne ein kostenloser ÖPNV, der die Stadt jährlich 60 Mio. Euro kosten würde, schlicht und ergreifend nicht ohne Bundesmittel finanziert werden. Für das Problem mit fehlendem Raum für Kultur stellte er als einziger einen konkreten Vorschlag. „Hierfür könnte künftig der alte Güterbahnhof als Möglichkeit dienen“, so Salomon. Wichtig sei ihm für eine nächste Amtszeit „der Bau von mehr Wohnungen, die Schulsanierung, mehr Kitas, das neue Stadion und die Einhaltung von Klimazielen“.

Einen Kontrast zu den anderen Kandidaten bildete Stein, als sie sich ungeachtet der Finanzierungsfrage als einzige für kostenlosen ÖPNV einsetzen wolle. Sie wolle Gelder verteilen und in Kulturelles investieren. Sie führte ihre Erfahrung als Freiburgerin und Stadträtin an. „Multikulturalismus: Herausforderung oder Bereicherung?“, fragt die WG-Jury. „Beides, aber auf jeden Fall eine Bereicherung“, meint Stein. Eine Videoüberwachung auf öffentlichen Plätzen lehne sie grundsätzlich ab.

Manfred Kröber fiel nicht nur durch seine hellgrüne Fliege und den schwarzen Doppelreiher, sondern auch durch wortgewandte und kreative Ansätze auf. So sollen zur Lösung der Wohnungsproblematik „nicht alle erzählen, wie toll es hier ist, damit nicht ständig Leute nachkommen“. Er hielt inhaltlich an seinen drei Kernthemen „Ökologie, Soziales und Bürgernähe“ fest.

Der 33-jährige Horn warb wiederum vor allem mit seinem jungen Alter und einer zu langen Amtszeit des Amtsinhabers Salomon. Er möchte frischen Wind nach Freiburg bringen, „Wohnungen günstiger machen“ und wirbt für ein Leerstandskataster, einem städtischen Verzeichnis leerstehenden Wohnungen, der „zwar nicht mehr Wohnraum schafft, aber die Planung erleichtert“. Er befürworte eine Investition in Freiburger Start-Ups. „Dies würde sich langfristig rechnen“, so Horn.

Am Ende durften zufällig ausgewählte Personen aus dem überwiegend studentischen Publikum ihre Wahl treffen. Diese ging überwiegend zugunsten von Horn und Stein, gefolgt von Salomon aus und beendete den Abend, der von einer guten Stimmung, versierten Moderation und vielen Gags begleitet war. Auch kleine private Details wie Horns Leuchtturm-Tattoo, Steins Apfelallergie oder Salomons jahrelange Kellner-Karriere im Feierling lockerten die Stimmung auf.

Jeder Kandidat durfte sich als der beste Mitbewohner beweisen.

Auf der anderen Seite zeigte das Format allerdings auch seine Schwächen. Da die Kandidaten nacheinander ausgefragt wurden, war ein echter Schlagabtausch untereinander nicht möglich. Sie konnten sich gegenseitig nicht kritisch hinterfragen und viel zu oft wurde dieser Umstand für Floskeln und Versprechungen genutzt, die inhaltlich nur selten über ein „ja, das muss auf jeden Fall auch unterstützt werden“ hinausgingen und die Frage der Umsetzung oft ausließen. Momente, in denen dann eben doch die Vorzüge einer klassischen Podiumsdiskussion greifbar waren.

 

*aus Gründen der Lesbarkeit wird auf die weibliche Form verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

Ein Rückblick von Theodor Lammich

Foto-Credit: Theodor Lammich