Das letzte Hexentreffen

Der gewaltige Steinschlag auf dem Kandel 1981, bei dem die sogenannte Teufelskanzel abgebrochen ist, sorgte für viele Spekulationen über seine Ursachen. Daraus entstand auch die Sage über das letzte Hexentreffen.

Das Hexentreffen

Unter dem Gipfelkreuz des Kandels, in der Walpurgisnacht 1981.

Der modrige Geruch von Kohle, feuchtem Holz und alter Erde lag in der kalten Nachtluft. Es war stürmisch und jenseits der Baumgrenze gab es nur wenig, an dem man sich festhalten konnte. Doch Gwendoline hatte einen sicheren Stand. Die Frau mit den rostroten, kurzen Haaren hatte ihren Blick auf das Gipfelkreuz gerichtet, das im schwachen Licht des abnehmenden Mondes gebrechlich wirkte. Fast hätte man meinen können, dass die gesamte Felswand sanft bebte. Gwendoline schüttelte den Gedanken ab. Solcher Aberglaube hatte vor ein paar hundert Jahren noch dafür gesorgt, dass sie viele ihrer Schwestern verloren hatte. Bauern, die nächtliche Sturmwolken für Frauen auf Besen gehalten und dann, mit Fackeln und Mistgabeln in den Fäusten, nach der Verbrennung der Schwarzwaldhexen geschrien hatten. Die jung wirkende Frau erschauderte bei der Erinnerung. Es fühlte sich an, als sei all das in einem früheren Leben passiert – glücklicherweise.

Gerade als der Mond sich vollends hinter das Gipfelkreuz geschoben hatte, hörte Gwendoline das Knacken dünner Reisigzweige hinter sich. „Keine Minute zu früh,“ murmelte sie, während sie sich umdrehte. „Aber auch keine Minute zu spät,“ entgegnete die Neuangekommene selbstgefällig. Die Schwarzhaarige trug einen langen, nachtgrauen Mantel und elegante Handschuhe. Gwendoline hatte vergessen, dass ihre Schwester Ohren hatte wie ein Luchs.

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