15. April 2020

Corona-Interview – Wie die Ungewissheit die Psyche belastet

Als unsere Interviewpartnerin herausgefunden hat, dass sie Kontakt zu einem Corona-Infizierten hatte, haben sich ihre Gedanken und Sorgen radikal verändert. Sie musste nur an dieses eine Thema denken, das um sie herum ist und wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass sie jetzt vielleicht auch infiziert ist. Die Geschichte:

Als unsere Interviewpartnerin herausgefunden hat, dass sie Kontakt zu einem Corona-Infizierten hatte, haben sich ihre Gedanken und Sorgen radikal verändert. Sie musste nur an dieses eine Thema denken, das um sie herum ist und wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass sie jetzt vielleicht auch infiziert ist. Die Geschichte:

Unsere Interviewpartnerin wohnt mit ihren 4 jüngeren Geschwistern und ihren Eltern zusammen in einer Wohnung. Ihr Alltag sieht meistens so aus, dass sie zur Arbeit geht und nach der Arbeit auf ihre Geschwister aufpasst. Sie unterstützt ihre Familie sehr, da die Mutter mit insgesamt 5 Kindern viel zu tun hat. Ihr Vater ist aufgrund einer Lungenkrankheit beeinträchtigt. Sie arbeitet in einem Beruf, der viel Kontakt zu Kollegen und Kunden mit sich bringt. In letzter Zeit kamen immer weniger Kunden, da sich die Menschen aufgrund der Corona-Pandemie vermehrt selbst isolierten. Sie machte sich nicht so viele Gedanken über das Thema Corona und meinte es sei „nur eine Grippe“. Sie fand die Lage der Menschen übertrieben und konnte die Entscheidung des OB Horn, ein Betretungsverbot auszusprechen, nicht nachvollziehen. Diese Gedanken haben sich an einem Tag verändert.

Im Laufe der letzten zwei Wochen hatte sie engen Kontakt zu Mitarbeitern, die ab und zu gehustet haben. „Niemand hat gedacht, dass es das Coronavirus sein könnte.“ meint sie. Die betreffenden Mitarbeiter erschienen trotzdem auf der Arbeit. Sie haben zur Sicherheit ab und zu Masken angezogen, die sie von ihrem Chef erhalten haben. Als die Symptome nicht aufgehört haben, wurde eine der betreffenden Personen auf das neuartige Coronavirus getestet, da sie, auch durch das Alter, zur Risikogruppe gehört. Das Testergebnis war positiv, die Kollegin infiziert. Dazu kommt, dass ein weiterer Mitarbeiter auch positiv auf das Coronavirus getestet wurde. In diesem Moment wurde der Ernst der Lage von allen begriffen, denn plötzlich galten sie als Kontaktpersonen.

Unsere Interviewpartnerin meint, dass sie, nachdem sie die Testergebnisse ihrer Kollegen erfahren hat, in Panik geraten sei und sofort ihren Hausarzt angerufen habe, der sie in das Abstrichzentrum überwies. Ab dem Zeitpunkt gab es kein anderes Thema, an das sie gedacht habe. Sie machte sich in aller erster Linie Sorgen um ihre Familie. Eine Infektion mit dem Coronavirus muss nicht zwingend Symptome mit sich bringen, trotzdem könnte sie infiziert sein – ohne es zu merken. Eine Infektion wäre vor allem für ihren lungenkranken Vater ein hohes Risiko. Sie dachte vor allem auch daran, wie verantwortungslos im Unternehmen mit diesem Thema umgegangen wurde, sodass Mitarbeiter weiterhin zur Arbeit gekommen sind, auch wenn sie schon leichte Symptome gezeigt haben. Sie dachte auch daran, dass sie selbst dieses Thema nicht ernst genug genommen hat.

Am nächsten Tag fuhr sie ins Abstrichzentrum. Dieses bietet die Möglichkeit, potenziell Infizierte aus dem Auto heraus zu testen. „Ich kam an und sah sehr viele Autos vor mir. Es schockierte mich etwas, da ich niemals gedacht hätte, dass so viele betroffen sein könnten. Alle hatten die Fenster offen, man hörte Menschen husten und niesen, es war mir unangenehm. Etwa 1,5 Stunden habe ich gewartet. Als ich vorne war, kam eine Frau in einem Schutzanzug, einer Maske und einer Schutzbrille auf mich zu. Der Test war schnell gemacht und als ich Zuhause ankam, ging ich sofort in mein Zimmer, da ich mich sehr um meine Familie sorgte.“ Die oft als „Corona Drive In“ bezeichneten Abstrichzentren haben den Vorteil, viele potenziell Infizierte testen zu können ohne sich oder andere in Gefahr zu bringen. Die Sicherheitsvorkehrungen des medizinischen Personals verringern dabei die Ansteckungsgefahr beim Test – nicht nur für das Personal selbst, sondern auch von einem Getesteten zum nächsten.

Die nächsten vier Tage hieß es für sie abwarten, denn aufgrund des Wochenendes hat sie das Testergebnis erst am Montag erhalten. Zu der Frage, ob sie das Gefühl hatte positiv zu sein, meint sie: „Das war schwankend. Mal hatte ich gar nicht das Gefühl, mal schon. Wenn ich an die Arbeit dachte, fiel mir jede Bewegung ein die ich gemacht habe. Solche Gedanken gingen mir durch den Kopf und dann dachte ich, ich könnte positiv sein.“ Obwohl sie keine auffälligen Symptome gezeigt hat, hat sie durch die innere Ungewissheit und Angst verstärkt auf ihren Körper geachtet. Bei jedem Husten und Niesen habe sie an das Schlimmste gedacht. „Ich konnte mich mit nichts Anderem mehr beschäftigen. Nach jedem Husten überlegte ich: War das jetzt trockener Husten oder nicht?“

Die Wartezeit zu überbrücken fiel ihr sehr schwer: „Ich hatte das Gefühl, ich kann die Zeit nicht tot schlagen.“ Die Rolle der Medien hatte auch einen großen Einfluss auf ihre Gedanken und die Belastung ihrer Psyche: „Ich musste Nachrichten so gut es ging meiden, es hätte mich sonst nur noch mehr beschäftigt und mir die Energie geraubt.“ Doch ihre allergrößte Sorge war nicht selbst krank zu sein, sondern ihre Familie, insbesondere ihren Vater, da Menschen mit Vorerkrankungen wahrscheinlicher einen schweren Verlauf der Krankheit haben. Dazu meinte sie: „Für meinen Vater hätte das Virus lebensbedrohlich sein können. Klar achten wir zuhause auch auf Abstand, aber wir leben trotzdem in einem Haushalt. Mein Arzt sagte mir: „Wenn du das Coronavirus haben solltest, wird es für deine Schwestern nicht so gefährlich sein, also mach dir da keine Sorgen.““

In der Wartezeit dachte sie oft an das Horrorszenario, positiv zu sein und wie die Quarantäne einer 7- köpfigen Familie aussehen könnte. Von diesem Szenario hat sie auch nachts geträumt: „Ich stand in der Nacht mindestens einmal auf, träumte schlecht und vor allem von dem Ergebnis.“ Auf andere Gedanken kommen konnte sie nicht: „Es war ein automatischer Prozess von mir, nur an das eine Thema zu denken.“ Auf allen Social Media Plattformen wurde sie mit dem Thema konfrontiert, obwohl sie versuchen wollte sich mit Social Media abzulenken. Auch die immer wieder auftauchenden Berichterstattungen über Kinder und Jugendliche, die aufgrund von Covid-19 gestorben sind, veränderten ihre Denkweise – so sehr, dass sie Vertrauenswürdigkeit ihres Hausarztes infrage stellte.

Nach dem Wochenende erhielt sie Anruf von ihrem Hausarzt. Dieser teilte ihr mit, dass das Testergebnis negativ ausgefallen sei. Sie ist nicht mit dem neuartigen Coronavirus infiziert. „Er hatte noch mehr zu mir gesagt, aber ich war so froh und erleichtert, aber auch so müde, dass ich gar nicht mehr zuhörte.“

Nach diesem Tag kam die Einsicht, wie man mit solchen Situationen nicht umgehen sollte: „Erst dann aufpassen, wenn es schon zu spät sein kann, bringt überhaupt nichts.“ Sie habe Menschen nicht ernst genommen, die aufgrund von Sorge über Krankheiten, eine Therapie beginnen. „Ich habe diese Aussage ins Lächerliche gezogen und konnte mir das überhaupt nicht vorstellen. Jetzt kenne ich das Gefühl und kann es komplett nachvollziehen. Es geht nicht immer nur darum, dass man selbst Angst hat. Ich hatte große Angst um meine Familie und diese Ungewissheit bzw. diese Krankheit kann einen psychisch komplett belasten. Ich habe es nicht geglaubt, aber jetzt verstehe ich einiges.“