31. Juli 2018 Bezahlbarer Wohnraum in Freiburg – aber wie?

Bezahlbarer Wohnraum in Freiburg – aber wie?

Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum ist eines der dringendsten Probleme unserer Stadt. Es besteht akuter Handlungsbedarf - aber welcher Ansatz stellt die beste Lösung dar? Bei unserer Recherche hat sich schnell gezeigt, dass verschiedene Stellen hier ganz verschiedene Meinungen vertreten:

Ein neuer Stadtteil für Freiburg? Die Dietenbach-Lösung

Die Freiburger Stadtverwaltung prüft bereits seit 2012 Flächen im Freiburger Umland, um den idealen Platz für einen neuen Stadtteil zu finden: Dietenbach soll er heißen. Es wurden Vergleiche angestellt, nach Alternativen Ausschau gehalten sowie eine Kosten- und Finanzierungsübersicht aufgestellt. Nicht zuletzt konnte ein städtebaulicher Wettbewerb veranstaltet werden, der sich bereits in der zweiten Phase befindet. Als Ergebnis dieser Prüfungsphase, legte die Verwaltung dem Gemeinderat am 24. Juli 2018 einen Satzungsbeschluss für einen neuen Stadtteil auf dem Dietenbachgelände vor. Oberbürgermeister Martin Horn hält die Planungen für einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung:

„Das ist ein Meilenstein in der städtischen Wohnbaupolitik, denn diese Entwicklungsmaßnahme schafft die Grundlage für den neuen Stadtteil Dietenbach mit rund 6.000 Wohnungen für rund 15.000 Menschen. Mit diesem Stadtteil setzen wir ein sozialpolitisches Zeichen, denn hier wird maßgeblich preiswerter Wohnraum für Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen entstehen.“ – Martin Horn

Zur Information: Nach Einschätzung der Verwaltung werden bis zum Jahr 2030 noch knapp 15.000 zusätzliche Wohnungen benötigt. Selbst wenn noch rund 5.000 Wohnungen aus den verbleibenden Flächen des Flächennutzungsplans umgesetzt werden können und sich die ProWo-Flächen Stühlinger-West und Zähringen-Nord mit knapp 3.000 Wohnungen realisieren lassen, fehlen immer noch rund 7.000 Wohnungen. Der Baubürgermeister Martin Haag hält den neuen Stadtteil Dietenbach deshalb für unabdinglich: 

„Um dem jetzt schon anhaltenden Wohnungsmangel und den damit steigenden Mieten entgegenzuwirken, brauchen wir den Stadtteil Dietenbach. Denn auch die sehr wichtigen wohnungspolitischen Maßnahmen, wie das Zweckentfremdungsverbot, die Mietpreisbegrenzungsverordnung oder die Kündigungssperrfrist bei Wohnungsumwandlungen in Eigentumswohnungen, reichen allein nicht aus“ – Martin Haag

Seit 2013 ist die Einwohnerzahl Freiburgs von ca. 218.000 auf 228.000 im Jahr 2017 gestiegen. Auch die Mietpreise im Neubau erhöhten sich von durchschnittlich 11,50 € pro Quadratmeter auf knapp 14 € – ähnlich verhält es sich auch bei den Kaufpreisen für Eigentumswohnungen. Bei diesen Entwicklungen ist es deshalb nicht überraschend, dass der Freiburger Stadtbau derzeit mehr als 3.000 Wohnungssuchende zählt. Aufgrund des mangelnden Flächenangebots in der Stadt Freiburg erhöht sich außerdem auch der Baudruck in den Umlandgemeinden – und auch dort steigen inzwischen die Preise für Miet- und Eigentumswohnungen. Es zeigt sich, dass die wohnungspolitischen Aufgaben der Stadt Freiburg nicht auf Kosten der Region gelöst werden können und einer schnellen und effektiven Lösung bedürfen. Mit Mehrheitsbeschluss hat  sich der Gemeinderat deshalb ausdrücklich für die Errichtung des neuen Stadtteils Dietenbach ausgesprochen.

„Nur mit einem neuen Stadtteil kann in naher Zukunft bezahlbarer Wohnraum realisiert werden.“ Martin Horn

Die Gegenstimmen

Trotz des Mehrheitsbeschlusses im Gemeinderat sind nicht alle mit dem geplanten Neubaustadtteil Dietenbach einverstanden. Es werden andere Lösungsmöglichkeiten angesprochen und Probleme diagnostiziert, die mit dem riesigen Bauprojekt einhergehen könnten. Zudem sind längst nicht alle Stellen und Vereine in Freiburg vom herausragenden Erfolg des Dietenbach-Projektes überzeugt:

ECOtrinova e.V.

ECOtrinova e.V., ein gemeinnütziger und fachlich orientierter Verein aus Freiburg, sieht mit dem Neubaustadtteil Dietenbach schwere Fehlentwicklungen auf Freiburg zukommen. Denn: Dietenbach erbrächte bis etwa 2025 überhaupt keine Wohnungen, tue also gar nichts gegen die aktuell akute Wohnungsknappheit. In einer ersten Reaktion auf die Planungen sagte ECOtrinova-Vorsitzender Dr. Georg Löser:

„Da sind die viele gute Alternativen, einschließlich des Leerstandsabbaus, einfach besser. Diese werden aber von fast allen Fraktionen und OB Horn in Verkennung der Realitäten völlig unnötig klein- und von einigen Rednern sogar schlechtgeredet oder vergessen, um Dietenbach am 24. Juli mit Scheuklappen durch die Abstimmung zu bringen.“ – Dr. Georg Löser.

Mit der Vernichtung von landwirtschaftlichem Boden im Umfang von mehr als 240 Fußballfeldern und viel zu schwachem Einsatz für bessere Alternativen mache sich die Stadt Freiburg lächerlich in Deutschland und Europa, so der Verein. Erst vor kurzem hatten die Oberbürgermeister von Karlsruhe, Heidelberg, Tübingen, Lörrach und vielen anderen Städten in Deutschland beschlossen, auf das Bebauen von Äckern vollständig zu verzichten – ganz nach dem Vorbild anderer europäischer Städte wie Amsterdam und Den Haag. 

ECOtrinova e.V. hatte im Mai 2018 für Freiburg ein Potenzial von 5.000 zusätzlichen Wohnungen beziffert, das allein durch Aufstocken und Dachausbau zu erreichen sei. Der Verein erwartet außerdem, dass Dietenbach an seinen Problemen scheitern wird, z.B. an der Finanzierbarkeit, an den Notwendigkeiten des Naturschutzes oder an der geplanten, drei Meter hohen Aufschüttung des Gebietes gegen Hochwasser mit Millionen Tonnen Erdaushub aus den umliegenden Landkreisen. 

Regio-Bündnis Pro Landwirtschaft, Natur & ökosoziales Wohnen

Der Mehrheitsbeschluss des Gemeinderats für Dietenbach, also für einen Riesen-Neubaustadtteil auf landwirtschaftlichem Boden, wird vom Regio Bündnis Pro Landwirtschaft, Natur & ökosoziales Wohnen außerordentlich bedauert. Das Bündnis umfasst 15 Vereinigungen der Landwirtschaft sowie des Natur- und Umweltschutzes. Hier plant man, sich weiterhin für den Erhalt der regionalen Landwirtschaft, von Äckern, Wiesen und Wald stark zu machen und lehnt das Bauen auf der „grünen Wiese“ ab. In seiner Begründung bezieht sich das Regio-Bündnis ebenfalls auf die bereits erwähnte Übereinkunft zahlreicher Oberbürgermeister deutscher Städte, die, mit einer gemeinsamen Erklärung, dem Bauen auf Äckern und Wiesen eine Absage erteilt haben. Außerdem prophezeit man auch hier große Probleme bei der Finanzierung des Neubaustadtteils und sieht große Hindernisse beim Naturschutz. Auch mit der gegen Hochwasser geplanten, drei Meter hohen Aufschüttung der Äcker und Wiesen dürfte die bisherige ökologische Vorzeigestadt Freiburg bundesweite Häme ernten, so das Bündnis. Man wundere sich hier, dass die sehr vielen Möglichkeiten der Innenentwicklung kleingeredet würden, obwohl diese in der Summe mehrfach größer als Dietenbach seien.

Es kann festgehalten werden: innerhalb der Jahresfrist werden Klagen gegen die städtebauliche Entwicklungsmaßnahme Dietenbach erwartet, ebenso gegen angedrohte Enteignungen und kommende Bebauungspläne.

Es bleibt also spannend, welcher Ansatz letztlich für eine Erleichterung der angespannten Wohnungs-Situation in Freiburg sorgen wird!

Quelle:
Pressemitteilung Dringlichkeit Dietenbach
Medienmitteilung ECOtrinova e.V.
Medienmitteilung RegioBündnis

Foto-Credit: Abbildung ähnlich