3. April 2015

Auf ein Kaffee mit dem President – Die Jokers Freiburg im Interview

Ein wenig aufgeregt bin ich ja schon. Heute treffe ich mich mit Daniel „Dan“ Schreiner von den „Jokers Freiburg“. Dan ist Gründer und auch „President“ des jungen Clubs, der sich den Kinderschutz zum Ziel gesetzt. Ich selbst bin über unsere Gruppe „Netzwerk Freiburg“ auf die Jokers aufmerksam geworden, nachdem sie dort Einladungen zu gemeinsamen „Touren“ durch die Stadt gepostet haben. Eine Gruppe von Leuten, die man – zumindest als Laie – auf den ersten Blick für Mitglieder der Hells Angels halten könnte, wollen sich für den Kinderschutz  einsetzen? Ich wurde hellhörig und schaffte es letztlich dann doch, ein exklusives Interview zu verabreden.

Dan kommt in das Café. Er ist irgendwas um die 40 und ein kräftiger, breit gebauter Mann, Dresscode: schwarz. Die Nervosität senkt sich zumindest ein bisschen, als sich die vom Dreitagebart übersäten Mundwinkel zu einem einladenden Lächeln verziehen. Doch wie berechtigt ist meine Skepsis? Das Interview soll diese und weitere Fragen beantworten:

Wie war deine Woche?

Dan: Gut. Hatte letztens einen Termin beim Dezernat Prävention der Freiburger Polizei. Die beiden
Beamten vor Ort haben mich kontaktiert, weil sie unseren Auftritt nicht so richtig einschätzen
konnten. Und das sollte geklärt werden.
Mir wurde in diesem Gespräch unter anderem auch mitgeteilt, wie und wo wir uns beispielsweise
strafrechtlich bewegen können. Letztlich haben sie mir aber auch bestätigt, dass wir nicht übers Ziel
hinausschießen und sie uns ab jetzt auch weiterhin als Ansprechpartner zur Verfügung stehen.

Wer seid ihr denn überhaupt?

Dan: Wir sind die Jokers Freiburg. Ein Club, eine Interessengemeinschaft, welche sich im Bereich
Kinderschutz einsetzen wird. Das heißt hauptsächlich Prävention und Aufklärung. Wir unterscheiden
uns von den etlichen anderen Organisationen, indem wir auf der Straße unterwegs sind, um direkt
vor Ort mit den Jugendlichen in Kontakt zu kommen.

Daniel "Dan" Schreiner ist Gründer und President der Jokers Freiburg.

Daniel „Dan“ Schreiner ist zweifacher Vater und President der Jokers Freiburg.

Wie viele seid ihr?

Dan: Momentan etwa 10 Leute, Frauen und Männer, wobei der Männeranteil deutlich überwiegt.

Und ihr fahrt alle Motorrad und hört Rockmusik?

Dan (lacht): Nein, sollte man vielleicht meinen, wenn man das erste Mal auf uns trifft. Aber das Motorradfahren ist lediglich ein Hobby von mir und einem Freund und keinerlei Voraussetzung, um Mitglied bei uns zu werden. Rockmusik mag ich persönlich sehr. Aber auch das spielt keinerlei Rolle bei der Entscheidung, ein Joker zu werden.

Es ist aber offensichtlich, dass ihr Ähnlichkeiten zu Motorradclubs (MCs) habt, wo man meinen mag, die
Kinder besser nicht hinzuschicken.

Dan: Das ist richtig, ja. Das klingt jetzt vielleicht banal, aber das hat einen ganz einfachen Hintergrund.
Zum einen habe ich bei meinen Recherchen sehr oft etwas über die B.A.C.A. (Bikers Against Child
Abuse; Anm. d. Red.) gelesen. Das ist ein Motorradclub mit seinen Wurzeln in den USA, welcher sich zu 100% für
das Wohlergehen der Kinder einsetzt. Vieles von deren Arbeit finde ich gut und das Auftreten fand
ich beeindruckend.
Der zweite, viel wichtigere Hintergrund ist jener, dass ich eine Clubwear wollte, die auffällt. Mit dem
Gedanken, dass Kinder und speziell Jugendliche vielleicht in ein paar Jahren bereits beim bloßen
Anblick eines Mitglieds in Clubjacke wissen, dass sie hier einer Person gegenüber stehen, welche sich
zu 100% für die Belange des Kindes einsetzt, ihm beisteht, egal welches Problem besteht und zu dem
jedes Kind, jeder Teenager ohne zu Zögern kommen kann.

Orangene Westen hätten es doch auch getan.

Dan: Klar, das wäre auch gegangen. Es gibt auch ein Club, die sind in rosa Hasenkostümen unterwegs.
Jeder eben so wie er möchte. Aber wir haben uns für unseren Style entschieden. Dass wir mit diesem
Outfit aber auch bei einigen Erwachsenen anecken, ist uns durchaus bewusst.

Hast du Verständnis für Leute, welche skeptisch sind und was würdest Du denen raten?

Dan: Verständnis auf jeden Fall. Und ich weiß, der erste Eindruck zählt. Aber manchmal lohnt es sich auch
über den eigenen Schatten zu springen und zu versuchen, mit Menschen in persönlichen Kontakt zu
kommen anstatt diese Leute aufgrund ihrem Aussehen, ihrem Auftreten, ihrer Hautfarbe oder ihrem
sozialen Stand in eine Schublade voller Klischees zu stecken.
Bitte macht euch euer eigenes Bild, indem ihr uns persönlich kennen lernt. Möglichkeiten hierzu gibt es en masse bei unseren Aktionen.

Ist es nicht gefährlich als MC-Member aufzutreten?

Dan: Wir haben bereits, bevor wir überhaupt gestartet sind, Kontakt zu verschiedenen Clubs und MC’s
gesucht, sind dort vorstellig geworden und haben allen erklärt, wofür wir einstehen und wofür wir
uns einsetzen wollen. Lange bevor es zu irgendwelchen Missverständnissen kommt.

Wie sehen die Aktionen der Jokers aus?

Dan: Da gibt es verschiedene Sachen, welche wir umsetzen. 2014 waren wir beispielsweise am Nikolaustag in der
Freiburger Innenstadt unterwegs um massenhaft Süßes und Spielsachen an die Kinder zu verteilen.
Das war für alle Beteiligten ein tolles Erlebnis. Ernsthafter und ruhiger ging es dann beim
Trauermarsch für den verstorbenen Jungen aus Lenzkirch zu, welchen wir ebenfalls organisiert
haben. Ein großer Schwerpunkt liegt auch in der Ausbildung meiner Leute im Bereich Prävention,
Deeskalation usw.

Besteht nicht die Gefahr, dass jemand nur beitritt, um sich mal unter gutem Vorwand, mit Lederjacke und Patches zu prügeln?

Dan: Naja, das ist bei uns eigentlich ganz gut geregelt. Bevor man Mitglied werden kann, gibt’s zuallererst
ein Gespräch mit mir und weiteren Leuten aus dem Club, in welchem man uns die Beweggründe für
eine gewünschte Mitgliedschaft schon darlegen sollte. Außerdem verlangen wir von jedem
Neumitglied ein erweitertes, polizeiliches Führungszeugnis. Dann beginnt die einjährige Probezeit, in
welcher man noch nicht befugt ist, unsere Clubwear zu tragen. Somit, denke ich, haben wir einige
Maßnahmen ergriffen, um nicht die verkehrten Leute im Club zu haben. Und noch was: Lederjacke
und Patches gibt’s bei uns nicht. Wir tragen Sweatshirtjacken und T-Shirts (lacht).

Gab es schon fragwürdige Mitgliedschaftsanfragen ?

Dan: Ja, da gab es schon die eine oder andere. In einem Fall lief gegen diese Person ein
Ermittlungsverfahren. Dem habe ich geraten, woanders sein Glück zu suchen. Das geht gar nicht.

Wenn sich schon Erwachsene ein wenig fürchten – könnten die Kinder nicht erst recht Angst haben?
Stacheldraht auf den Patches, brummige Typen mit Dreitagebart….

„In Bezug auf das Kartenspiel Rommé weiß jeder, dass der Joker die Karte ist, welche alle anderen aussticht und meist dann gezogen wird, wenn es keine Alternative mehr gibt. Wir sehen uns als die Joker der Kids.“

Dan (lacht): Also Angst muss vor uns bei Gott niemand haben. Die Symbolik des Logos ist auf unsere Homepage erklärt.
Und Kinder stehen unserem Outfit eher offen gegenüber. Im Gegenteil: viele der Kids und Jugendlichen, die ich kenne, finden es schlichtweg cool.

Hast du selbst Kinder?

Dan: Ja, ich habe zwei Töchter (11 und 15 Jahre) und ein sechszehnjähriges Patenkind. Toller Junge.

Ihr habt letztens in Facebook zu einer Tour aufgerufen, bei denen ihr durch die Gegend lauft und
ein wenig schaut, ob es vielleicht Situationen gibt, wo man vielleicht mal dazwischen schreiten
kann, bevor es eskaliert. Besteht nicht die Gefahr, wenn man mit so einer Intention los läuft, etwas
schneller einzugreifen als geboten ist?

Dan: Mit Tour meinst du sicher unsere Spaziergänge, welche wir teilweise in Facebook bewerben und welche uns
seit Kurzem in die unterschiedlichsten Stadtteile von Freiburg führen. Darunter muss man sich nun
nichts Abenteuerliches vorstellen. Wir treffen uns regelmäßig an einem Freitag oder Samstagabend
und gehen gemeinsam raus. Raus in die Parks, raus in die Stadt… wir wollen einfach den Puls der
Straße erleben und uns zeigen. Meistens werden bei diesen Spaziergängen lockere Gespräche
geführt oder diverse Clubangelegenheiten besprochen. Hin und wieder verweilen wir auch mal an
einem Ort und schauen uns das Treiben der Leute einfach an. Das Ziel ist, einfach nur da zu sein und
nur im Notfall einzuschreiten, Hilfe zu holen, Zivilcourage zu zeigen. Nicht mehr und nicht weniger.

Hast du Erfahrung mit Deeskalation oder Gewaltprävention?

Dan: Ich war einige Jahre für eine Sicherheitsfirma und als Türsteher in einer Freiburger Diskothek
beschäftigt. Im Rahmen dieser Tätigkeit habe ich auch die Sachkundeprüfung für das
Sicherheitsgewerbe abgelegt. Klar gab es da auch viele knifflige Situationen, wie auch Schlägereien
unter Gästen und vieles mehr. Aber letztendlich konnte man gute 95% der Beteiligten mit Reden
überzeugen.

Eure Ziele für die Zukunft?

Dan: Ganz eindeutig die Ausbildung meiner Leute und mir selbst in Form von Seminaren, Workshops und
ähnlichem. Angestrebt sind Ausbildungen als Gewaltschutztrainer, als Referent zum
Thema Mobbing & Cybermobbing, sowie die Teilnahme an Präventionskursen und Seminaren zum
Thema Deeskalation. Weiterhin natürlich der personelle Aufbau unseres Clubs.

Vielen Dank für das Gespräch.

Dan: Sehr gerne.

Das Interview führte Theodor Lammich.