29. März 2016

„5 Minuten Himmel“ wird zu 90 Minuten Ohrenqualen

Der Freiburger Tatort ist am gestrigen Ostermontag um 20.15 Uhr im Ersten gelaufen, aber ein echter Freiburger wäre manchmal wohl am Liebsten einfach davongelaufen. Von Ohren-zu-halten über ungläubiges Kopfschütteln und vielleicht auch ab und zu einem kleinen Lächeln über manch ein schönes Panoramabild konnte man bei dieser Folge der Kultserie wohl so ziemlich jedes Gefühl durchleben...

„5 Minuten Himmel“ – so lautet der Titel des lang ersehnten und vor allem von Freiburgern voller Vorfreude erwarteten Event-Tatorts aus der schönen Stadt im Schwarzwald. Vielmehr verspürt man aber bereits nach den im Titel angepriesenen fünf Minuten den Drang, sich unbedingt die Ohren zuhalten zu müssen. Denn der nette Dialekt der Badener wurde so gar nicht getroffen und damit – das muss man nun mal so sagen – nimmt die Katastrophe bereits ihren Lauf. Und das, obwohl die Hauptkommissarin Ellen Berlinger von einer solch vielversprechenden Schauspielerin wie Heike Makatsch wunderbar verkörpert wird.

Aber was ist eigentlich passiert?

Die neue Freiburger Ermittlerin Ellen Berlinger kehrt nach einem 15-jährigen Englandaufenthalt in ihre Heimat Freiburg zurück. Ihr erster Fall ist eine vermeintliche Selbstmord-Leiche im Jobcenter. Aber für die Kommissarin deuten die Zeichen unverkennbar auf einen Mordfall hin und so beginnen die Ermittlungen im Fall des erwürgten Mitarbeiters Holger Kunath. Und das (einzig) Schöne: Der Zuschauer hat wirklich bis zum Schluss keine Ahnung wer der Mörder sein könnte. (Das haben wir von anderen Tatorten auch schon mal etwas anders erlebt 😉 )

Heike Makatsch spielt die schwangere Hauptkommissarin, die mit privaten Problemen aus der Vergangenheit zu kämpfen hat, sehr überzeugend. Auch wenn man sich eigentlich in der Realität keine schwangere Ermittlerin alleine in einem solch heiklen Außeneinsatz vorstellen könnte. Frau Berlinger schwankt ständig zwischen professionellem Einsatzgeist und privaten, leicht verstörenden Stalker-Gewohnheiten: Ihre jugendliche, in Deutschland bei der Oma zurückgelassene Tochter wird immer wieder heimlich ausgekundschaftet. Dabei wandert eines Tages sogar aus für den Zuschauer unerfindlichen Gründen ein Hundehaufen in ihre Jackentasche.

Oh du schöne Stadt Freiburg!

Was toll ist: Häppchenweise bekommt der Zuschauer einige schöne Panoramaszenen des wichtigsten Darstellers in diesem Krimi geboten: Unserer schönen Stadt Freiburg. Die meiste Zeit jedoch hält die Kamera auf chaotische Hinterhöfe, das zugegebenermaßen schöne Graffiti an der Brauerei Ganter oder auf heruntergekommene Wohnungen und verlassene Hallen. Nicht gerade das gewohnte Bild einer Stadt, die eigentlich so viel mehr zu bieten hat.

Aber für „Einheimische“ beinahe unerträglich wird wohl die Sprache der Darsteller sein! Man fragt sich ganz automatisch: Was ist das eigentlich für ein Dialekt?! Ganz offenkundig soll das badisch sein, aber ein jeder Freiburger wird spätestens nach den ersten Sätzen der netten Dame im Jobcenter den Kopf geschüttelt und sich gefragt haben: Was ist das? Hessisch? Elsässisch? Schwäbisch..? Der einzige, der wie ein echter Bobbele wirkt, ist wohl der Kripochef, denn nur bei ihm klingt die Sprache nicht erzwungen oder gekünstelt – schauspielerisch eine tolle Leistung von Holger Kunkel! (Was man leider nicht von allen Nebendarstellern behaupten kann, aber gut.)

Nur komische Menschen hier…

Es stellt sich vor allem die Frage, warum man eine so wichtige Figur wie die der Geliebten des Toten nicht hochdeutsch sprechen oder einfach die ganze Zeit durchschlafen lässt, denn das hatte sie im Gegensatz zum richtigen Dialekt eindeutig drauf! Weil sie verständlicherweise partout nicht aus ihrer Wohnung geworfen werden möchte, schließt sie sich lieber ein und schläft einfach. Ob der verrückte Kellerbewohner mit seinen seltsamen Sätzen oder die Schülerinnen, die gefährliche Ohnmachtsspiele spielen: Irgendwie scheinen alle in diesem Tatort etwas sehr speziell zu sein.

Es passiert im Allgemeinen einfach ZU viel! Bei all dem Drama und den zwischenmenschlichen Problemen der Kinder und ihrer Eltern, all den Liebschaften und der eigenartigen Verhaltensweisen der Personen rückt der eigentliche Mord völlig in den Hintergrund. Was hingegen von Anfang an im Vordergrund steht, ist das Spiel „Five Minutes in Heaven“, bei dem absichtlich eine Ohnmacht herbeigeführt wird. Ob es von Vorteil ist, diese Szene in jeglicher Variation und mehrmals hintereinander den jugendlichen Zuschauern vorzuführen, ist hingegen fraglich, auch wenn die Gefährlichkeit des Spiels verdeutlicht wird.

Skurril sind nicht nur die dargestellten Personen, ein wenig mehr Hintergrundwissen der Filmemacher hätte man wohl auch erwarten können. Beim Zuschauen stellen sich einem doch einige Fragen:
Seit wann reanimiert man auf dem Magen? (Da würde es wohl jedem schlecht werden!) Und was ist eigentlich mit den Polizisten los, die untätig das Verhör einer Jugendlichen über einen Bildschirm beobachten und selbst bei Gefahr nicht einzuschreiten wissen? Warum trägt einer der Kommissare seine Schildmütze durchs Revier spazieren? Und überhaupt: Seit wann dürfen schwangere Ermittlerinnen im Alleingang in düsteren Kellern herumschleichen? Um realistische Darstellung war die Regisseurin trotzdem bemüht, indem sie gerade den umkämpften und überteuerten Wohnungsmarkt thematisiert hat, das möchte man ihr an dieser Stelle dann doch anrechnen. Natürlich ist auch zu bedenken, dass Freiburg tatsächlich nicht nur schöne Seiten hat und wirklich Zwangsräumungen und Arbeitslosigkeit auch in einer solch beliebten Stadt zum Alltag mancher Menschen gehören. Aber – und das ist das Störende an diesem Tatort – Freiburg ist auch nicht nur dunkel, ungemütlich und verrückt!

Hat es sich gelohnt?

Als Freiburger wird man diesen Tatort also nicht unbedingt in positiver Erinnerung behalten können, außer eventuell aufgrund der tollen Leistung von Heike Makatsch. Aber auch sie konnte den Krimi-Abend leider nicht mehr retten. Und unsere schöne Stadt Freiburg? Die kam leider auch nicht so gut weg bei dem Ganzen. Eher wie eine Drogenhöhle mit skrupellosen Jobcenter-Mitarbeitern, die einen aus der eigenen Wohnung verbannen und durchweg komischen Menschen, die in dunklen Kellerräumen wohnen oder Kindern, die aus Rache den Hasen ihrer Geschwister erhängen.
Etwas Gutes hat das Ganze aber dann doch…vielleicht wollen jetzt nicht mehr so viele nach Freiburg ziehen und die Wohnungspreise gehen nicht noch höher! 😉

Bild: SWR/Ziegler Film

Und die Bewertung der Zuschauer? 

Auch ihr, als echte Freiburger Zuschauer habt bewertet: Ca. 46% fanden das Tatort Special am Ostermontag einfach nur enttäuschend und gerade mal 16% tatsächlich ganz gut. Das Feedback ist eindeutig und eine Fortsetzung wünschen sich wohl die Wenigsten.