12. Februar 2018 Olympia-Biathlet Benedikt Doll im Interview

Olympia-Biathlet Benedikt Doll im Interview

Das erste Wochenende der Olympischen Winterspiele in Pyeongchang liegt hinter uns. Auch Benedikt Doll ist bereits an den Start gegangen. Wir haben uns mit dem Biathleten im Vorfeld des sportlichen Großereignisses getroffen und uns mit ihm über seinen ersten Start bei den Olympischen Winterspielen und über sein Leben abseits des Sportrummels unterhalten.

StadtBESTEN: Wie bist du zum Biathlon gekommen und wie lange machst du den Sport schon?

Benedikt Doll: Biathlon mache ich seit 1997, also schon seit 20 Jahren. Ich habe im frühestmöglichen Alter mit dem Sport angefangen. Meine Eltern waren schon immer sehr sportlich. Mein Vater war früher Langstreckenläufer, heute ist er Bergläufer. Über meine Eltern bin ich zum Ausdauersport gekommen. Durch die Nachwuchsarbeit des Ski-Zunft Breitnau e.V. konnten damals meine ältere Schwester und ich den Biathlon intensiv betreiben. Während aber meine Schwester noch während der Schulzeit den Biathlon aufgegeben hat, bin ich drangeblieben und heute starte ich für Deutschland.

StadtBESTEN: Immer wieder hört man, dass Langläufer zum Biathlon wechseln oder umgekehrt. Was sind deine Stärken – das Schießen oder auf der Loipe?

Benedikt Doll: Als ich damals mit sieben Jahren mit dem Sport angefangen habe, bin ich von Anfang an direkt in den Biathlon eingestiegen. Als einen “Umsteiger” würde ich jemanden bezeichnen, der mit 16 oder 17 Jahren zum Biathlon wechselt. Ich dagegen bin schon immer Biathlet gewesen. Ab und zu ist für mich auch ein Langlaufrennen attraktiv, weil ich dann doch eher der gute Läufer bin. Grundsätzlich gilt: Mit dem Schießen klappt es mal besser und mal schlechter, aber das Läuferische kann man nicht von einem Tag auf den anderen verbessern. Dafür muss man wesentlich mehr trainieren.

StadtBESTEN: Könntest du dir vorstellen, den Langlauf dem Biathlon vorzuziehen ?

Benedikt Doll: Beim Langlauf kann ich mich schon ganz gut behaupten. Das zeigt sich immer wieder auch bei den Rennen während der Deutschen Meisterschaften im Sommer. Aber Biathlon finde ich schon besser. Es ist wesentlich abwechslungsreicher und ich habe mehr, worüber ich mich ärgern kann, wenn es mal nicht so klappt, wie ich es mir vorstelle [lacht]. Weil es eben so viele Baustellen gibt.

StadtBESTEN: Neben dem Sport studierst du ja auch noch. Wie lässt sich der Sport mit dem Alltag vereinbaren?

Benedikt Doll: Ich mache den Bachelor in “Marketing und Vertrieb – Ingenieurwesen” an der HS Furtwangen. Das kommende Sommersemester habe ich mein praktisches Semester. Dafür habe ich auch schon ein Unternehmen in Kirchzarten. Grundsätzlich bin ich im Sommersemester immer an der Hochschule. Während der Vorlesungszeit, wenn man aufgrund der Anwesenheitspflicht alle Vorlesungen besuchen muss, ist es schon ganz schön stressig. Ich habe längere Zeit in Furtwangen gewohnt, da habe ich zur Hochschule nur drei Minuten gebraucht. Wenn ich noch eine lange Anfahrt hätte mit einplanen müssen, wäre es zeitlich fast nicht gegangen. Mit den kurzen Wegen war es allerdings gut machbar. Aber es ist schon eine intensive Zeit, wenn man zwischen den Vorlesungen noch zwei Trainingseinheiten in den Tagesablauf unterbringen muss. Weil ich im Winter aufgrund des Biathlons nicht vor Ort bin, nehme ich immer ein Urlaubssemester. Mit dem Verlauf eines regulären Präsenzstudiums wäre der Sport nicht vereinbar. Allerdings gibt es gewisse Sonderregelungen, die dem Sport entgegenkommen. Und mittlerweile ist auch das Ende des Studiums in Sicht.

StadtBESTEN: Wie lief deine Qualifikation für Olympia ab – entspannt oder eher auf den letzten Drücker?

Benedikt Doll: Grundsätzlich werden zur Qualifikation die Wettkämpfe im Winter vor Olympia einberechnet, also die aktuelle Saison. Beim Biathlon muss man bei einem der Weltcup-Rennen ein Mal den achten Platz belegen oder zwei Mal die Top 15 erreichen. Das ist das Qualifikationskriterium. Insgesamt gibt es sechs Weltcup-Wochenenden, das sind rund 15 Rennen. Es gibt also schon einige Chancen, um sich zu qualifizieren. Bei uns starten sechs Personen im Weltcup und sechs Personen dürfen mit zu Olympia. Am Ende waren wir natürlich sehr froh, dass sich alle qualifiziert haben. Selbstverständlich wird während der Qualifikation auch ausgesiebt. Es sollen schließlich diejenigen mit, die Chancen auf eine Medaille haben. Denn bei Olympia zählen nur die Treppchenplätze.

StadtBESTEN: Also läuft alles nach dem Motto: ganz oder gar nicht?

Benedikt Doll: Es gibt ja die Gesamtweltcupwertung. Findet in einem Jahr eine Weltmeisterschaft statt, dann zählen auch Ergebnisse aus diesen Rennen in den Gesamtweltcup mit hinein. Die Olympischen Spiele haben dagegen für die Gesamtweltcupwertung keine Bedeutung. Mit anderen Worten bedeutet für uns Olympia: man geht an den Start und holt eine Medaille oder man geht leer aus.

StadtBESTEN: Was bedeutet es für dich bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang zu starten?

Benedikt Doll: Am Anfang des Winters konzentriert man sich vor allem auf den Weltcup. Man muss sich erst qualifizieren und schauen, wie man in die Saison reinkommt. Mittlerweile rückt Olympia immer näher und ich freue mich richtig darauf. Für mich sind es ja die ersten Olympische Spiele. Vor vier Jahren konnte ich mich nicht qualifizieren, weil ich nicht im Weltcup mitgelaufen bin. Am coolsten ist für mich, dass wir mit allen anderen Sportlern unter einem Dach leben werden und man Kollegen trifft, die man im Laufe der Jahre bei verschiedenen Anlässen kennen gelernt hat. Die Wettkämpfe selbst sind natürlich ein großes Highlight. Und wenn man dann noch eine Medaille gewinnt, dann wäre das natürlich das Sahnehäubchen.

StadtBESTEN: Werdet ihr euch auch die anderen Wettkämpfe ansehen? Wenn ja, welche?

Benedikt Doll: Die Freizeit vor Ort wird ein wenig von der Sportart abhängen. Erst einmal müssen wir ankommen und die ersten Wettkämpfe absolvieren. Und dann können wir uns eventuell, was bei den anderen so passiert. Wir Biathleten laufen am ersten Wochenende das erste Rennen und am letzten Wochenende die letzten Rennen und dazwischen haben wir über die kompletten Olympischen Winterspiele verteilt alle drei Tage einen Wettkampf. Die Rodler zum Beispiel haben am ersten Wochenende an beiden Tagen jeweils zwei Fahrten und für die restliche Zeit sind sie fertig.

StadtBESTEN: Freust du dich auf Pyeongchang? Oder bekommt man im olympischen Dorf gar nicht so viel mit von der Stadt?

Benedikt Doll: Ich war schon einmal in Pyeongchang zu dem vorolympischen Weltcup. Die Stadt ist ganz schön, aber als Sportler kriegt man nicht sehr viel mit, wenn man zu einem Wettkampf hinfliegt. Obwohl man immer wieder Pausen hat, ist der Tag dann doch gut gefüllt. Neben den Wettkämpfen absolvieren wir ja immer auch noch Trainingseinheiten.

StadtBESTEN: In welcher Disziplin siehst du deine größten Medaillenchancen?

Benedikt Doll: Ich habe diesen Winter eigentlich in allen Disziplinen gute Rennen gezeigt. Ok, im Sprint vielleicht nicht, aber im Sprint bin ich Weltmeister geworden [lacht]. Ich möchte für mich eigentlich keine Disziplin ausschließen. Am meisten liegen mir die Disziplinen, wo man alleine läuft, also Sprint oder Einzel. Massenstart und Verfolger machen mir nicht ganz so viel Spaß, aber auch da konnte ich bereits meine Erfolge feiern. Die Staffel ist natürlich ein Highlight. Wenn man eine Staffel laufen darf, ist die Medaille auf jeden Fall greifbar.

StadtBESTEN: Bei den diesjährigen Olympischen Winterspielen starten einige Sportler aus dem Schwarzwald bzw. aus Südbaden. Wie erklärst du es dir, dass es so viele sind? Sind es die Trainingsbedingungen? Oder weil man hier in der Region allgemein einfacher zum Wintersport kommt?

Benedikt Doll: Man kommt hier in der Region tatsächlich gut zum Wintersport. Es hat aber bestimmt auch etwas mit dem Zeitgeschehen zu tun. Es gibt immer wieder Jahre, in denen viele Sportler aus Baden-Württemberg kommen. Dann gibt es aber auch Jahre, in denen es wieder weniger sind. Ich denke das hängt damit zusammen, ob gerade große Erfolge gefeiert werden und große Euphorie aufkommt. Angesteckt von der Begeisterung schicken die Eltern ihre Kinder dann zu der jeweiligen Sportart. Dadurch kommen dann einige Talente zum Vorschein. So war es zum Beispiel bei den Skispringern – den Schwarzwaldadlern – Christof Duffner, Dieter Thoma und Martin Schmitt. Die Eltern haben damals den Hype aufgenommen und an ihre Kinder weitergegeben, die jetzt in die Fußstapfen der Großen treten und mit zu Olympia fahren.

StadtBESTEN: Wie gut sind die Trainingsbedingungen hier in der Region? Kannst du den größten Teil deines Trainings in der Region absolvieren?

Benedikt Doll: Die Bedingungen hier vor Ort sind sehr gut. Die landschaftlichen Bedingungen zum Beispiel sind top! Von Kirchzarten aus, wo ich wohne, ist alles gut erreichbar. Zum Training an den Notschrei fahre ich 15 Minuten und bin so gut wie sofort im Schnee. Und im Sommer kann ich hier sehr gut auf Skirollern trainieren und Rad fahren. Der Schießstand ist auch in der Nähe. Und mit Roman Böttcher habe ich einen super Trainer vor Ort. Was eine große Rolle spielt ist das Trainingssystem hier, also die Versorgung mit Trainern, die Trainingsgruppen, das Skiinternat in Furtwangen, das ich zu Schulzeiten besucht habe. Dort haben die Trainer ihr Büro und dort befindet sich zum Beispiel auch unser Kraftraum. Da wären wir wieder beim Thema “Sport während der Lernphase” – kurze Wege sind sehr wichtig, um nicht den ganzen Tag im Auto unterwegs sein zu müssen und dadurch nicht den Spaß am Sport zu verlieren, weil man dann womöglich gar keine Freizeit mehr hat. Je nach Sportart muss man sich natürlich auch an den großen Stützpunkten orientieren. Ich bin immer wieder in Oberhof zum Training, insgesamt fünf Wochen im Jahr. Zwölf Wochen verbringe ich auf Lehrgängen und die restliche Trainingszeit absolviere ich hier. Insgesamt bin ich 22 Wochen im Jahr unterwegs. Deshalb bin ich auch froh, dass ich auch zuhause trainieren kann und zum Beispiel nach einem Wettkampf nicht gleich wieder woanders zum Training muss.

StadtBESTEN: Das heißt du müsstest aufgrund deines Sports nicht von hier wegziehen?

Benedikt Doll: Nein, auf keinen Fall. Meine Anfahrtswege zu Lehrgängen oder zu Wettkämpfen sind im Vergleich zu den anderen mit Abstand am längsten, aber dafür wohne ich hier in der allerschönsten Region. Ich bin gerne im Schwarzwald und möchte hier auch auf gar keinen Fall weg.

StadtBESTEN: Wir sind ein Online-Portal und erreichen 50% aller Freiburger und über 500.000 Personen in der Region über unsere Kanäle. Daher gehören für uns soziale Netzwerke zum Tagesgeschäft. Weißt du schon, wie die mediale Präsenz bei Olympia aussehen wird?

Benedikt Doll: Es wird ähnlich sein wie beim Weltcup. Wenn man eine Medaille gewinnt, wird man von den Medien überrannt. Gewinnt man keine Medaille, hat man eher seine Ruhe. Auf die Rennen folgen immer Pressekonferenzen. Außerdem gibt es das Deutsche Haus, wo PR-Veranstaltungen stattfinden werden.

StadtBESTEN: Biathlon hat sich mittlerweile zu einer sehr beliebten Wintersportart entwickelt, die auch von den Medien verfolgt wird. Kriegst du als Sportler den medialen Biathlon-Hype mit? Wirst du z.B. in Freiburg auf der Straße erkannt, wenn du privat unterwegs bist?

Benedikt Doll: Hier in der Region geht es eigentlich. Wenn man zum Beispiel in Ruhpolding in Bayern oder in Thüringen wohnt, sieht die Situation schon ganz anders aus. Diese Regionen sind wesentlicher affiner für den Biathlon-Hype. Im Vergleich dazu ist der Schwarzwald keine Biathlon-Hochburg. Trotzdem ist mir natürlich wichtig, dass der ein oder andere junge Biathlet hier aus der Region kommt und ich glaube, dass ich in dieser Hinsicht schon ein bisschen was bewirken konnte. Es gibt einige junge Sportler, die sich im Biathlon versuchen. In St. Märgen gibt es zum Beispiel eine Biathlongruppe, aber auch in Breitnau oder am Notschrei. Und wenn ich durch meine Erfolge einen Teil dazu beitragen kann, ist das natürlich sehr schön. Wenn ich im Frühjahr nach der Saison wieder meine Biathlon-Blase verlasse und an die Hochschule zurückkehre, dann ist das wie eine andere Welt, auch wenn mich natürlich der ein oder andere erkennt. Meine Kommilitonen haben meist andere Interessen als den Biathlon. Ich finde das sehr angenehm und ich freue mich, wenn ich hier auch ein bisschen undercover unterwegs sein kann.

StadtBESTEN: Du bist auf Facebook aktiv und hast einen Instagramaccount. Was bedeuten für dich soziale Medien?

Benedikt Doll: Grundsätzlich stehe ich den sozialen Medien schon kritisch gegenüber. Vielleicht bin ich dann doch zwei oder drei Jahre zu alt um da so richtig drin zu sein. Oder vielleicht bin ich einfach nicht der Typ dafür. Allerdings ist es ein fester Bestandteil des Sports und es ist absolut relevant für die Sponsoren. Zum Beispiel wünschen sich die Sponsoren mittlerweile keine Werbeflächen mehr auf dem Gewehr, sondern Social-Media-Aktivitäten und Influencer-Marketing. Umso wichtiger ist mir eine gewisse Qualität meiner Beiträge auf Facebook und Instagram. Und die Beiträge sollen einen inhaltlichen Mehrwert haben und nicht einfach nur Unterhaltungsmasse sein. Ich habe zum Beispiel den Kochblog “Dolls Küche”, wo die User Rezepte und Infos zum Thema Ernährung erfahren. Es ist schon viel Arbeit, da alle Inhalte auf allen Kanäle von mir selbst kommen. Aber das ist es mir dann wert. Natürlich sind soziale Medien ein guter Weg, sich der Öffentlichkeit nach einem Wettkampf zu erklären. Und es ist auf jeden Fall ein guter Kanal, um mit den Fans Kontakt aufzunehmen.

 

Wir bedanken uns sehr herzlich für das Interview und drücken Benni und auch allen anderen Athleten, die derzeit in Pyeongchang um die Medaillen kämpfen, ganz fest die Daumen!

 

Foto-Credit: Benedikt Doll